Saḷ o le 120 giornate di Sodoma
Pier Paolo Pasolini, Italien 1975; 117' I/df
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Zwischen der entspannten Vorspannmusik und zwei Tango tanzenden jungen Männern beim erlösenden Filmende bricht ein Abgrund menschlicher Niederträchtigkeit von Dekadenz und Machtwillkür auf. Die furchtbare Veranschaulichung und das Funktionieren von sexualisierter Gewalt sind in die Republik Saló verlegt, die Benito Mussolini 1943 in Norditalien gegründet hatte, und basiert auf dem gleichnamigen, fragmentarischen Roman des Marquis de Sade. Im faschistischen Italien unterzeichnen die vier Hauptfiguren, ein Herzog, ein Präsident, ein Prälat und ein Bischof als Vertreter der gesellschaftlichen Elite, feierlich einen Vertrag: Sie wollen sich hinter verschlossenen Türen nach ihren Wünschen und frei von jeglichen moralischen Regeln an neun jungen Frauen und Männern vergehen.
Enttäuscht von den gesellschaftlichen Entwicklungen seiner Zeit, sieht Pier Paolo Pasolini seinen letzten Film nicht nur als Veranschaulichung von universeller menschlicher Gewalt, wie sie jederzeit in Ausnahmesituationen möglich ist, sondern auch als Analogie zu einer immer stärker durch das Diktat des Konsums unterworfenen Gesellschaft, welche den menschlichen Körper auf eine Ware reduziert. Der verstörende Film trifft uns tief drinnen, wo Menschsein fühlbar wird, und führt uns so den unschätzbaren Wert von Menschlichkeit und moralischen Grundsätzen vor Augen. Erträglich macht den Film einzig die Kühle und Strenge seiner Inszenierung sowie die Schönheit der meisterhaft komponierten Bilder. Ein radikaler, trostloser, erschütternder Film, «den man gesehen haben muss, den man aber kein zweites Mal sehen möchte» (Ulrich Gregor).
Dem Kino Xenix wird polizeilich untersagt, «Salò o le 120 giornate di Sodoma» von Pier Paolo Pasolini am 11. Februar in der Offenen Kirche St. Jakob zu zeigen. Es findet stattdessen ein Podium statt.
Seit dem 28. Dezember 2006 läuft eine umfassende Retrospektive des Filmemachers Pier Paolo Pasolini. Seither haben über 3000 Menschen die Offene Kirche St. Jakob besucht: ergriffen von einem Film wie «Mamma Roma», erbaut durch «Il vangelo secondo Matteo», dem wohl schönsten Jesusfilm überhaupt, angeregt zu einer Auseinandersetzung über das Menschsein und seine gesellschaftlichen Bedingtheiten. Aussschliesslich mündige reflexionsfähige Menschen sind zu Pasolini in die Kirche gekommen. Nun sind wir durch die polizeiliche Androhung, dass der Film nach Artikel 197.3 StGB konfisziert werden wird, leider gezwungen, die einmalige Vorführung vom kommenden Sonntag abzusagen. Der letzte Film von Pasolini, «eine schockierende Vision menschlicher Machtbesessenheit und barbarischer Zerstörungslust inmitten hochgeistiger kultureller Verfeinerung» (Lexikon des internationalen Films), hätte die Gelegenheit geboten, im Rahmen einer Begleitveranstaltung mit einer Einführung und einer Diskussion nach dem Film über den Verlust von Religion und das Funktionieren von sexualisierter Gewalt nachzudenken.
Wir sind entsetzt über die falsche und diffamierende Berichterstattung durch die Gratiszeitung «20Minuten», welche eine unvorhersehbare Eskalation ausgelöst hat. Deshalb laden wir für Sonntag, 11. Februar um 17.15 Uhr alle an einer Auseinandersetzung mit Pasolini Interessierten zu einem Podium ein. Neben Christine Stark, der reformierten Medienverantwortlichem, dem Soziologen und Kulturtheoretiker Klaus Theweleit wird auch einE MedienethikerIn daran teilnehmen.