Scarlett Johansson: Teenager / Diva / Komödiantin
   

Scarlett Johansson: Teenager / Diva / Komödiantin
--------------------------------------------------------------------------------------------
Scarlett Johansson: Star des Dazwischens


Charlotte läuft zwischen Menschen und unter Leuchtreklamen wie in einem Reich der fremden Zeichen umher. Die junge Frau hat einen Uni-Abschluss in Philosophie. Doch im Gegensatz zu ihrem Ehemann, der in seinem Beruf – dem Fotografieren von Celebrities – angekommen ist, hat sie weder eine Aufgabe noch ein Ziel vor Augen. Einsam bleibt sie im Hotelzimmer zurück und blickt von ihrem Schwellenort am Fenster auf das Häusermeer der Grossstadt. Eben erst nach Japan gereist, leidet sie zwischen den Zeitzonen an Schlaflosigkeit und verbringt wie in einem weiteren Zeitraum des Dazwischens die Nacht an der Hotelbar. Dieser noch unentschiedene Zustand, in dem Charlotte in Sofia Coppolas LOST IN TRANSLATION (2003) schwebt, findet in Scarlett Johansson eine kongeniale Verkörperung.

Tatsächlich sind der Übergang und «das Dazwischen» Markenzeichen der jungen Schauspielerin. Doch wirkt sie dabei weder richtungslos und verloren wie die Filmfigur aus LOST IN TRANSLATION, durch die sie Berühmtheit erlangte, noch ist sie gefährdet wie eine Marilyn Monroe, mit der sie zuweilen verglichen wird. Wie ein Gradmesser ihrer rasanten Karriere wirken nachträglich die Titelblätter des Celebrity-Magazins «Vanity Fair». Nach ihrem Erfolg in Coppolas Film erschien sie zwei Jahre in Folge – als würde man ihrem Status als Jungstar noch nicht ganz vertrauen – auf dem eingeklappten Teil der Covers, auf deren vorderster Front etablierte weibliche Stars zu sehen waren. Im März 2006 jedoch erregte eine Aktaufnahme der Starfotografin Annie Leibovitz auf dem Titel von «Vanity Fair» Aufsehen: Vor der spindeldürren und verhalten posierenden Keira Knightley nahm die kurvenreiche Scarlett Johansson mit selbstsicherer Coolheit die ganze Horizontale des Covers ein.

Sehr schnell ist Johansson zum unumstrittenen Sexsymbol aufgestiegen. Für die erste Einstellung von LOST IN TRANSLATION musste Coppola sie noch überreden, ihren Po in einem transparenten Slip und in Anlehnung an ein «pin-up centerfold» in Szene zu setzen. In der Literaturverfilmung GIRL WITH A PEARL EARRING aus demselben Jahr lässt sie sich in einem erotisch aufgeladenen Szenario von Colin Firth, der den Maler spielt, das Ohrläppchen für den Ohrring seiner Ehefrau durchstechen. Wiederum verkörpert sie dabei eine Bildformel – das berühmte Gemälde Vermeers. In ihrer Rolle in Woody Allens MATCH POINT (2005) schliesslich geht sie mit ihrer heiser, zugleich lasziv und kühl klingenden Stimme und in einem weissen Leinenkleid, in dem sie tatsächlich an die Helligkeit Monroes erinnert, zum erotischen Angriff über. Doch auch jenseits der Leinwand verführt Johansson mit ihrer sinnlichen Intensität. In einer Bildstrecke für «Vogue» inszeniert sie ganz (selbst-)bewusst die Posen und Gesten der Pin-ups der 1940er- und 1950er-Jahre. Ähnlich möchte sie an Preisverleihungen mit ihren Roben und dem wasserstoffblond gefärbten Haar an Jean Harlow und andere klassische Hollywood-Stars erinnern.

Das Spiel Johanssons mit ihrer Körperlichkeit und mit kulturellen Bildern weiblicher Erotik setzt sich sowohl vom Frauenbild der Nachkriegszeit als auch von der Kritik an demselben durch die Feministinnen ab. Die zeitgenössische Schauspielerin entgeht dem tragischen Diva-Schicksal der zeitlebens unterschätzten Monroe. Das existenzielle Leiden der verletzlichen, sich geradewegs in die Immaterialität auflösenden Lichtgestalt Monroe sucht sie nicht heim. Auch wird sie nicht auf die Rolle der blonden Sexbombe reduziert wie Monroe, die nur gerade von der Fotografin Eve Arnold als Joyce-Leserin porträtiert wurde. Ihre Selbstinszenierungen scheinen zu Recht von der Überzeugung getragen, dass die Retro-Posen und glamourösen Kleider am besten zu ihren Kurven und den vollen Lippen passen. Gleichzeitig ist Johansson stolz darauf, dass sie in der Komödie IN GOOD COMPANY (2004) eine Studentin spielt, die Tschechow liest.

Die Schauspielerin mit dem Image der intelligenten New Yorkerin wollte einmal Filmwissenschaften studieren. Doch kam diesem Plan der rasche Filmerfolg in die Quere. Die 1984 geborene Johansson ist nicht umsonst nach der Heldin Scarlett O’Hara im klassischen Hollywood-Epos Gone with the Wind (1941) benannt: Schon seit frühester Kindheit wollte sie Schauspielerin werden. Mit ihrer (fast immer) klugen Auswahl von Angeboten innerhalb und ausserhalb des Mainstreams hat sie eine Filmografie aufgebaut, die sowohl Breite als auch klare Linien aufweist. In mehreren Filmen verkörpert sie die junge Amerikanerin in Europa und variiert dieses Thema, das schon den Romanautor Henry James beschäftigt hat, immer wieder aufs Neue. In A GOOD WOMAN (2004), einer Verfilmung von «Lady Windermere’s Fan» von Oscar Wilde, spielt sie die naive junge Ehefrau, die in Europa mit erotischen Verwirrungen konfrontiert wird. Dagegen stellt ihre direkte Sinnlichkeit in MATCH POINT eine irritierende Störung in der feinen britischen Klassengesellschaft dar. In SCOOP (2006), dem zweiten Film, den sie mit Woody Allen in England realisierte, setzt sie als überdrehte Journalistikstudentin zu einer komödiantischen Umschrift von «Suspicion» (1941), einem Hitchcock-Film über weibliche Paranoia, an. Sie landet den grossen Coup, indem sie mit den ebenso grossen wie runden Gläsern einer Streberbrille bewehrt den aristokratischen Gentleman, in den sie sich im Laufe ihrer Recherchen verliebt, schliesslich durchschaut.

Noch vor ihren Rollen als Studentin und als junge Frau spielte Johansson immer wieder Kinder und Teenager, die ihrem Alter weit voraus sind: die kindlich-reife Erzählerin in Lisa Kruegers MANNY & LO (1996), die Schulabgängerin, die sich in Terry Zwigoffs Comic-Verfilmung GHOST WORLD (2001) gemeinsam mit ihrer schrägen Busenfreundin vom Konformismus der Gleichaltrigen absetzt, dann aber von der eigenen Exzentrizität Abschied nimmt, oder die jugendliche Verführerin des von Billy Bob Thornton gespielten Protagonisten im Cohen-Neo-Noir THE MAN WHO WASN'T THERE (2001). Ausserdem fällt auf, dass die junge Schauspielerin oft zusammen mit reifen männlichen Kollegen auftritt – so etwa mit John Travolta in A LOVE SONG FOR BOBBY LONG (2004) oder mit Bill Murray in seiner Rolle als desillusionierter Altstar, den ihre Filmfigur in LOST IN TRANSLATION an der Hotelbar kennen lernt und mit dem sie danach durch das Nachtleben Tokios zieht.

Johansson sagt von sich selbst, dass sie sich zu älteren Männern hingezogen fühle. Gleichzeitig fasziniert sie durch die Vorstellung, dass sie – trotz ihrer bereits zahlreichen Erfolge – die Zukunft noch vor sich hat. Den Übergang vom Kinderstar zur jungen Frau hat sie bereits erfolgreich gemeistert. Die Richtungen, in welche sie sich in den kommenden Jahren bewegen wird, sind noch offen. Wird sie dereinst arrivierte Hollywood-Grössen wie Cate Blanchett und Nicole Kidman ablösen, Kultstatus im Arthouse-Cinema erlangen oder ihren Wunsch verwirklichen, selbst Regie zu führen? Als ein Star des Übergangs und des Dazwischens lässt uns Scarlett Johansson nach wie vor fantasieren. In dieser imaginären Offenheit dürfte auch weiterhin ihre Faszination liegen. (Barbara Straumann)

nach oben