35 Jahre italienische Kinogeschichte in 17 Filmen
Mit dem Oscar für Roberto Begninis 'La vita è bella' und der Goldenen Palme für Nanni Morettis 'La stanza del figlio' am diesjährigen Festival in Cannes scheint der italienische Film aus seiner langen Krise aufgetaucht. Oder ist der internationale Erfolg der letzten zwei Jahre bloss ein Effekt einzelner gelungener Filme, der am insgesamt miserablen Gesamtzustand der letzten zwanzig Jahre nichts ändert? Welch ein Kontrast zur gloriosen Zeit davor, vergegenwärtigt man sich in einem Flash-back die Filme von Roberto Rosellinis Paisà (1946) bis Ermanno Olmis L'albero degli zoccoli (1978).
Paisà steht zwischen 'Roma città aperta' und 'Germania anno zero', und diese 'Trilogie des Krieges' von Rossellini eröffnete für alle eine völlig neue Art, mit der Kamera Realität zu vermitteln. Rossellini drehte Paisà in einem von Krieg und Tod verwüsteten Land mit einer kleinen Equipe und minimalem Budget. Die sechs Episoden enthalten Passagen von einer Härte und Schlichtheit, wie sie später kaum je wieder erreicht wurden. Dass der Film eine soeben durchlebte Realität darstellte, machte dem italienischen Publikum Mühe, doch die internationale Kritik verlieh Paisà höchste Anerkennung und die Bezeichnung 'Neorealismus'. Einer der zentralen Figuren des Neorealismus - der selbst den Pauschalbegriff nicht leiden konnte - war Cesare Zavattini, produktiver Schriftsteller, Essayist und Drehbuchautor. 1951 drehte De Sica nach einem Roman von Zavattini Miracolo a Milano, einen seltsam surrealen Film, einen parodistischen Abschied vom Neorealismus, der jedoch paradoxerweise zu einer melancholischen Utopie wird, wenn die Armen auf fliegenden Besen sich auf die Suche nach dem Land begeben, wo 'Guten Tag tatsächlich guten Tag bedeutet'.
L'avventura von Michelangelo Antonioni wurde 1959 in Cannes vom Publikum ausgepfiffen und bekam den Spezialpreis der Jury. Der neuartige Stil polarisierte. Die drei Jahre von 1959 bis 1961 bilden einen einmaligen Höhepunkt in der italienischen Filmproduktion, qualitativ und quantitativ. Dies sind die Jahre von Fellinis ('La dolce vita') und Viscontis Triumphen ('Rocco e i suoi fratelli'), von Antonionis erwähnter provokanter Modernität. Es sind aber auch die Jahre des Erscheinens einer neuen Generation von Regisseuren: Pier Paolo Pasolini und Ermanno Olmi debütierten 1961. Ebenfalls 1961 erscheint Divorzio all'italiana von Pietro Germi, dem sofort ein enormer Erfolg beim Publikum und bei der Kritik beschieden ist. Mit der magischen Mischung von schwarzer Komödie und Groteske entstand der Prototyp der Commedia all'italiana.
Eine weitere Goldene Palme gab es 1963 für Viscontis Il Gattopardo, der filmischen Perfektion schlechthin in Kameraarbeit, Ausstattung und Casting (ein überragender Burt Lancaster in einer ungewohnten Rolle). Für seinen zweitletzten Film, Gruppo di famiglia in un interno (1974), ein düsteres Porträt bourgeoiser Dekadenz, wird Visconti, bereits schwer krank, Lancaster die Rolle eines kultivierten alten Herrn spielen lassen, der sich vom Leben und von der Welt zurückzieht.
Ganz anders, mit radikaler Heftigkeit und Kritik, stellt sich Marco Ferreri, der seine ersten Filme in Spanien gedreht hatte, zum Leben und zur Welt; er kommt Buñuel näher als irgendein anderer italienischer Regisseur. Sein ebenso bitterer wie verzweifelter Film La donna scimmia von 1964 vergleicht ein 'Monster', eine arme haarige Frau, mit der Monstruosität ihres Ausbeuters, diabolisch dargestellt vom grossartigen Ugo Tognazzi. Sehenswert, dabei leider zu selten zu sehen, Infanzia, vocazione e prime esperienze di Giacomo Casanova, Veneziano von Luigi Comencini, der 1969, im Jahr der italienischen Studentenrevolten, entstanden ist.
Mit den beginnenden 70er Jahren weht ein Wind von sexueller Befreiung, und das Kino wird unmittelbar Zeuge davon. Die Maschen der Zensur lockern sich und lassen Situationen und 'Paarungen' durchgehen, die nur zehn Jahre früher unerbittlich weggeschnitten worden wären. Dieser Lockerung erfreuen sich sowohl Alberto Lattuadas Film Venga a prendere il caffè da noi (1971) wie auch Sampieris Malizia (1973), der ungeahnt zum Stammvater der italienischen Erotik-Komödie wird. Anders als Laura Antonellis (Hauptdarstellerin von Malizia) Reize, welche die Zensur schadlos überstehen, wurde Il Decameron von Pier Paolo Pasolini, der trotz seiner Auszeichnung mit dem Goldenen Bären in Berlin einen Skandal verursachte, nicht gebilligt und erlitt einige Schnitte. Im selben Jahr wie Malizia kam Lina Wertmüllers Film d'amore e d'anarchia (der Originaltitel ist kilometerlang, wie man es von der Regisseurin gewohnt ist), der - zusammen mit 'Pasqualino settebellezze' - einer ihrer besten Filme ist. Obwohl die italienische Komödie Mitte der 70er Jahre schon langsam am Dahinsiechen war, taten sich ihre drei wichtigsten Vertreter, Mario Monicelli, Dino Risi und Ettore Scola, 1977 zusammen, um gemeinsam den Episodenfilm I nuovi mostri, bestehend aus vierzehn kleinen Sketchs, zu realisieren. Wie bereits 'I mostri', 1963 unter der Regie von Risi alleine entstanden, war I nuovi mostri eine Satire auf das Benehmen der Italiener, das der plötzliche Wohlstand und der herrschende Egoismus verunmenschlicht hatte.
Das Ende der 70er und der Beginn der 80er Jahre hielten mit L'albero degli zoccoli (1978) von Ermanno Olmi, La tragedia di un uomo ridicolo (1981) und La notte di San Lorenzo (1982) noch einige Überraschungen bereit. Die beiden Ersteren führen uns gewissermassen zur Gegenwart zurück: Nachdem Olmis Meisterwerk 1978 mit der Goldenen Palme von Cannes gekürt worden war, mussten die Italiener 23 Jahre warten, bis Nanni Moretti dieses Jahr für 'La stanza del figlio' die prestigeträchtige Auszeichnung nach Hause - Italien - bringen durfte. In La tragedia di un uomo ridicolo erbrachte Laura Morante als blutjunge und herausfordernde Schauspielerin ebenso herausragende darstellerische Leistungen wie zwanzig Jahre später in Morettis Preisträgerfilm.
Mauro Bonifacino
Filme in diesem Zyklus: L'albero degli zoccoli | L'avventura | Il Decameron | Divorzio all'italiana | La donna scimmia | Film d'amore e d'anarchia | Il Gattopardo | Gruppo di famiglia in un interno | Infanzia, vocazione e prime esperienze di Giacomo Casanova, Veneziano | Malizia | Miracolo a Milano | La notte di San Lorenzo | I nuovi mostri | Paisà | Serafino | La tragedia di un uomo ridicolo | Venga a prendere il caffè da noi
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