Retrospektive Jim Jarmusch - Jarmusch Extended
Götterbote der New Yorker Edelpunks

Bei Jim Jarmuschs Eintritt in die New Yorker Kunstszene Ende der Siebzigerjahre herrschte dort die kultivierte Punk-Attitüde des New Wave. Alle hatten eine Band oder waren in einer (Jarmusch bei den Del-Byzanteens). Die kaputte Gelassenheit, welche die Songs von Tom Waits auszeichnet, die Musik von John Lurie und seinen Lounge Lizards oder die ironische Katerstimmung eines Lou Reed: Sie prägten Habitus und Erzählgestus von Jarmusch, der mit seiner schlohweissen Hochfrisur auch heute noch wirkt wie der veritable Götterbote der New Yorker Edelpunks.

1979 entstand Jarmuschs offizieller Erstling Permanent Vacation als Underground-No-Budget-Film. Der Film folgte zweieinhalb Tagen im Leben eines jungen Mannes ohne Ziel und Ambitionen und zeichnete damit in achtzig Minuten den Typ, der später als 'Slacker' literarisch fixiert wurde. 1981 bekam Jarmusch von Wim Wenders' ausführendem Produzenten Chris Sievernich vierzig Minuten Filmmaterial geschenkt, das bei einer normalen Dreh-Ratio für etwa fünf Minuten fertig geschnittenen Film gereicht hätte. Im Februar 1982 filmte Jarmusch mit seinem Freund, dem Saxofonisten John Lurie, einem Schauspieler und einer Schauspielerin über ein einziges Wochenende in lauter durchgehenden Einstellungen genügend Material, um damit einen dreissigminütigen Kurzfilm montieren zu können. Schon beim Schneiden befand er, dass er hier eigentlich das Ausgangsmaterial für einen Langspielfilm hätte. Zunächst aber reiste er mit dieser Kurzfassung von Stranger than Paradise auf dem europäischen Festivalcircuit herum. Nachdem der Kurzfilm 1983 in Rotterdam den Kritikerpreis gewonnen hatte, kam schliesslich die Finanzierung für eine Langfassung zustande, dank einem jungen Deutschen namens Otto Grokenberger. Im Januar 1984 wurde aus dem 8000 Dollar teuren Kurzfilm ein 120 000 Dollar teurer Neunzigminüter, dem die Jury in Cannes die begehrte 'Camera d'Or' zusprach.

Plötzlich wurde er auch in den USA als Filmemacher wahrgenommen, und schnell etablierte er sich, wie vor ihm höchsten noch Woody Allen, als Europa-approbierter Indie-Regisseur. Seither spürt er in seinen Filmen den Kontaktstellen zwischen amerikanischer Gegenwartsverhaftung und den Kulturtraditionen der restlichen Welt nach. Sogar in seinem hypnotisch-schläfrigen Western Dead Man von 1995 glüht der heimliche Kampf zwischen der lebenstüchtigen, aber auch schon müde gewordenen Pionierkraft und der dekadent-bewährten Kultur der Alten Welt.

Dass Geschichtslosigkeit nicht Gesichtslosigkeit bedeuten muss, und dass sie schon gar nichts mit einer tatsächlich inexistenten Vorgeschichte zu tun hat, bewies eindrücklich Down by Law, Jarmuschs erster ohne allzu grosse Kämpfe und Umwege produzierter Film von 1986. Down by Law vereinigte die beiden Musiker John Lurie und Tom Waits und schickte sie auf eine komische Flucht-Odyssee mit dem damals noch nicht sehr bekannten Italiener Roberto Benigni. Zwar hatte jede dieser Figuren eine Vergangenheit, aber die sollte die Gegenwart nach Möglichkeit nicht verhindern. Die Werbe-'Tagline' zum Film klingt wie ein Filmgrundsatz von Jarmusch: 'It's not where you start - It's where you start again' - nicht der Anfang ist wichtig, sondern der Wiederanfang beziehungsweise die Fähigkeit, sich immer wieder aufzurappeln und notfalls auch wieder bei null anzufangen. Verlangt wird also keineswegs, die Vergangenheit zu vergessen oder zu leugnen, sondern die Fähigkeit, von ihr abzusehen. Möglicherweise ist es genau diese Fähigkeit, welche die amerikanische Pop-Mythologie nicht nur ermöglicht, sondern so universal attraktiv macht: Niemand braucht Vor-Wissen, eine Vor-Ahnung genügt. In Mystery Train (1989) liess Jarmusch denn auch prompt ein japanisches Pärchen den US-Mythen der Fünfzigerjahre nachreisen.

Auch Jarmuschs Kurzfilme (die der Regisseur noch immer unter Verschluss hält) sowie das Musiker-Porträt Year of the Horse (1997) kreisen um die unbekümmerte Instant-Verwertung mythischer US-Alltagsfetzen. Perfektioniert hat Jarmusch das Rezept schliesslich 1999 in seinem bisher zugleich populärsten und raffiniertesten Kultur-Potpourri Ghost Dog: The Way of the Samurai. (Michael Sennhauser)
 

Filme in diesem Zyklus: Dead Man | Down by Law | Fishing with John | Ghost Dog: The Way of the Samurai | Mystery Train | Night on Earth | Permanent Vacation | Stranger than Paradise | Ten Minutes Older - The Trumpet | The Year of the Horse

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