'Wir haben einen Stein ins Wasser geworfen' (Vinterberg)
Wir wollten das Absolute: Die Bilder aller bisher produzierten offiziellen Dogma-Filme sollten über die Xenix-Leinwand wackeln; denn uns faszinierten die Vision, Kino neu zu erfinden, und die Spontanität von Dogma 95 - 'Manifeste müssen schnell geschrieben werden. Sie dürfen höchstens einige Stunden in Anspruch nehmen. Ansonsten verwässern sie und verlieren an Expressivität und Provokation' (von Trier). Zudem sind es längst nicht mehr nur dänische Filme - rund um den Globus werden Dogma-Filme gemacht. Zusammen mit der für die Filmgeschichte einmaligen internationalen Nummerierung voneinander unabhängiger Produktionen lässt sich die globale Diffusion einer gesponnenen Idee mit filmischen und inhaltlichen Auswirkungen verfolgen.
Wir haben lange recherchiert und uns am Ende doch für eine Auswahl entschieden. Bis zum Zeitpunkt des Drucks unseres Programmes wurden international 35 Nummern vergeben. Hinsichtlich der Nummerierung respektive der Produktionsweise der offiziellen Dogma-Filme zeigt sich zwischen den dänischen und den nichtdänischen ein grundsätzlicher Unterschied: Nach der Produktion von Festen und Idioterne (Lars von Trier überliess Thomas Vinterberg grosszügigerweise die Nummer 1) vergaben die dänischen Produktionsfirmen Zentropa, Nimbus Film und das Danmarks Radio TV gezielt Aufträge an FilmemacherInnen, einen Film in Dogma 95 zu realisieren. Die ausländischen dagegen wurden auf eigene Initiative gemacht und jeweils dann in die Reihe aufgenommen, wenn ein Antrag gestellt wurde und ein Betrag von ca. 1500 Franken überwiesen worden war. Trotz schon gestellter Anträge kamen einige der 35 Filme bisher nie heraus; auch wurde einer nachträglich 'entdogmatisiert'. Für die anderen lässt sich festhalten: Die durch Lars von Trier und Thomas Vinterberg am 13. März 1995 in die Welt gesetzte Idee bereicherte die Welt des Films mit herausragenden Werken, denen eine neue Art von Schauspiel gelingt und die unsere Zeit und unseren Alltag oder existenzielle Themen scheinbar ungefiltert auf die Leinwand zaubern. Gleichzeitig sind die Resultate ernüchternd. In einigen Fällen lösten die Einschränkungen an technisch Machbarem weniger kreative Energien aus, um eine Geschichte auf neue Weise zu erzählen, sondern waren der Anlass im Sinne von 'Jeder ist ein Filmemacher', einen Film zu realisieren. So sind manche Filme als Versuche aufzufassen. Bei den dänischen Filmen entwickelte sich die revolutionäre Idee von Dogma 95 schnell zu einer Formel für ein neues Genre.
Wir zeigen achtzehn der offiziellen Dogma-95-Filme. Zu sehen sind dabei nicht nur die bei uns bereits gefeierten Filme wie Festen, Italian for Beginners oder Open Hearts, sondern auch das verrückte Werk des Wunderkindes Harmony Korine, der sich als Drehbuchautor von Larry Clarks 'Kids' einen Namen geschaffen hat, der erste koreanische Dogma-Film oder das amerikanische Vespa-Road-Movie Amerikana. Die Auswahl zeigt bei sehr viel alltäglich Komischem die Spannbreite der Themen von Liebes- und Familiengeschichten bis zu allerlei psychischen Anomalitäten auf. Zudem hat die Auswahl einen spannenden Nebenaspekt: Zwar waren die kleinen DV-Kameras beim Austüfteln des Manifestes 1995 noch nicht auf dem Markt, doch die eigentliche Dogma-95-Produktion setzte erst 1998 ein, und mit ihr geht die Verwendung von portablen, digitalen Kameras einher. So veschafft unsere Reihe einen Überblick über die neue Ästhetik digitaler Bilder im Spielfilm und lotet das oftmals damit verbundene 'quasi Dokumentarische' aus.
Neben der Reihe 'Dogma 95: Die Filme' zeigen wir eine Lars-von-Trier-Werkschau, zwei Dokumentarfilme von Jesper Jargil, dem Hofdokumentaristen von Lars von Trier, eine Auswahl der Schweizer Doegmeli-Filme sowie vier Nicht-Dogma-Filme in der Nocturne.
Die Werkschau ist eine Hommage an den umstrittenen Meister und Initiator von Dogma. Sie macht die wunderbaren Wandlungen des trierschen Kinos sichtbar: Dogma ist dabei an einem bestimmten Punkt zwingend, doch hat sich sein Werk auch schon wieder davon entfernt. Der Dokumentarfilm 'The Purified' von Jesper Jargil verrät uns, dass schon die Gründer von Dogma nie wirklich Dogmatiker-Innen waren. Doegmeli ist die nichtdogmatische Variante, die das Westschweizer Filmschaffen neu aufgemischt hat. Und die Nicht-Dogma-Filme, welche wir in der Nocturne zeigen, stehen - im Kontrast zu Dogma - für ein Autorenkino, das heute mögliche technische Finessen für die Erzählung komplexer Geschichten einsetzt und durch seine Opulenz besticht.
'Less Is More - An Introduction to Dogma 95' (Englischer Originaltext von Peter Schepelern)
'Weniger ist Mehr - Eine Einführung zu Dogma 95' (Deutsche Übersetzung von Antonia Maino)
'Das Keuschheitsgelübde' (Lars von Trier und Thomas Vinterberg)
Filme in diesem Zyklus: Dogma#1: Festen | Dogma#2: Idioterne | Dogma#3: Mifune | Dogma#4: The King Is Alive | Dogma#5: Lovers | Dogma#6: Julien Donkey-Boy | Dogma#7: Interview | Dogma#12: Italian for Beginners | Dogma#13: Amerikana | Dogma#14: Joy Ride | Dogma#18: Truly Human | Dogma#20: Strass | Dogma#21: Kira's Reason - A Love Story | Dogma#25: Converging With Angels | Dogma#28: Open Hearts | Dogma#29: The Bread Basket | Dogma#32: Old New Borrowed and Blue | Dogma#35: Cosi X caso
Nicht gezeigte Dogma-Filme: Dogma#8-11, 15-17, 19, 22-24, 26-27, 30-31, 33-34
[http://www.xenix.ch] 17-02-04