Von Peter Schepelern
Deutsche Übersetzung von Antonia Maino
Als Provokation nahm Dogma seinen Anfang. Im Frühjahr 1995, an einem internationalen Kongress in Paris, legte der kontroverse Regisseur des neuen dänischen Kinos Lars von Trier sein 'Dogme 95' vor. Das Manifest wurde als roter Flyer unter dem Publikum verteilt. Der leidenschaftliche Text, von seinem jungen Kollegen Thomas Vinterberg mitunterzeichnet, war ein Angriff auf bestimmte Strömungen im zeitgenössischen Filmschaffen. Eine 'Rettungsaktion' sei gegenüber der vorhersehbaren Dramaturgie, den oberflächlichen Handlungen und den technologischen Kosmetika, welche in der von Hollywood dominierten Kinowelt vorherrschten, notwendig.
Der Rettungsplan verfolgte einen neuen Ansatz beim Filmemachen. Dieser beruhte auf einer asketischen Grundsatzpolitik der Vermeidung von Überflüssigem und der Beschränkung auf das Notwendigste, welche im so genannten Keuschheitsgelübde zusammengefasst wurde. Das Gelübde umfasst eine Reihe von Regeln, die festlegen, dass die Dreharbeiten an Ort und Stelle, ohne zusätzliche Requisiten und ohne künstliches Licht stattfinden müssen, dass eine Handkamera benutzt werden muss, dass der Film im Hier und Jetzt spielen soll und dass Special Effects jeglicher Art tabu sein sollen.
Die Dogma-Bewegung hat ganz offensichtlich ihr Vorbild in Vorgängern des Anti-Establishment-Kinos, wie dem vom russischen Regisseur Dziga Vertov ins Leben gerufenen Kino Pravda der Zwanzigerjahre, dem italienschen Neorealismo der Vierzigerjahre, Jean-Luc Godard und der französischen Nouvelle Vague der Sechzigerjahre sowie dem Anti-Hollywood-Stil eines John Cassavetes in den Siebzigerjahren.
Aber die ursprüngliche Inspiration zu den Dogma-Filmen bekam Trier bei der Arbeit für die Fernsehserie 'The Kingdom' (1994). Hier hatte er entdeckt, dass durch die Verwendung von schlampiger oder unverfroren fehlerhafter Technik durchaus ein fesselnder, dichter Film gemacht werden kann, solange eine spannende Geschichte und überzeugende Figuren den Film vorantreiben. Das Ganze wurde ein riesiger Erfolg. Gleichermassen basiert Dogma auf der Überzeugung, dass das Menschliche wichtiger als das Technische ist. Mit einer Haltung, die sich durch 'Weniger ist mehr' und eine Beschränkung auf Grundlegendes auszeichnet, bot Dogma eine Alternative zu Hollywood. Es funktioniert aber auch als eine Art Therapie für den Filmkünstler. Dieser kann neue Kraft schöpfen, indem er seine schlechtesten Gewohnheiten ablegt, das heisst: Hör auf mit all dem, was du bisher getan hast - lass all deine Lieblingsgewohnheiten sterben! So könnte die ganze Dogma-95-Bewegung, aus von Triers Sicht, sozusagen als eine Art sadomasochistisches Projekt gesehen werden, das dazu da ist, den Künstler auf eine Weise zu bestrafen, die ihm am meisten wehtun würde. Nämlich, ihn durch das Verbot herauszufordern, sich nicht auf bewährte Strategien und Routinen zu verlassen. Mit überraschender Leichtigkeit schaffte Dogme im dänischen Kino den Durchbruch. Es gab schon vorher andere Filme, die sich durch einen vergleichbaren Low-Budget-Stil und eine minimalis-tische Haltung auszeichneten. Aber die Regeln und der Name Dogma machten den grossen Unterschied aus. Die ersten Dogma-Filme kamen 1998 heraus (es galt, einige bürokratische und politische Hindernisse zu überwinden, bevor die Filme im Sommer 1997 produziert werden konnten).
Der erste Dogma-Film war Vinterbergs Festen (1998). Ein Werk, das auf internationales Interesse stiess (und in Cannes einen Preis gewann), die schockierende Geschichte eines erwachsenen Sohns, der den Vater an dessen Geburtstagsfest anklagt, ihn während der Kindheit sexuell missbraucht zu haben. Triers eigener Film, Idioterne (1998), war die verdrehte Geschichte um eine Gruppe junger Leute, die versuchen, ihren 'inneren Idioten' zu finden. Danach folgten leichtere Filme, die eher dem Mainstream entsprachen, wie Kragh-Jacobsens Mifune (1999), eine heitere Liebesgeschichte, welche den Silbernen Bären in Berlin gewann, und Scherfigs Italian for Beginners (2000), eine bittersüsse Komödie über sechs Menschen auf der Suche nach Liebe, welche abermals den Silbernen Bären in Berlin einheimste und einer der grössten Kinoerfolge Dänemarks wurde.
Bisher wurden zehn dänische und mehr als zwanzig nicht dänische Dogma-Filme gedreht. Wohl hat die Dogma-Bewegung ausserhalb Dänemarks nicht zu einer Filmkunst derselben Bedeutung geführt - dennoch hat es einige interessante Filme gegeben, wie den englischsprachigen The King Is Alive (2000), Jean-Marc Barrs französischen Lovers (1999), Harmony Korines amerikanischen Julien Donkey-Boy (2000), den amerikanischen Converging with Angels (2002) und den italienischen Cosi X caso (2003). Diese Filme versuchen, auf filmtechnisch einfache Art einen Weg zurück zu grundsätzlichen Dingen zu finden und den Film wieder menschlicher zu machen.
Neben Dogma 95 lassen sich zur selben Zeit vergleichbare Trends im aktuellen Kino finden. So verfolgen etwa Mike Leigh, Steven Soderbergh und Mike Figgis einen ähnlichen Weg. In einer Zeit, in welcher der europäische Film es schwer hat, es mit den grossen Budgets Hollywoods mit seinen überwältigenden Special Effects aufzunehmen, können die Dogma-Filme neue Wege aufzeigen. Oder, genauer gesagt, sie können einen Weg zeigen, der zum eigentlichen Potenzial, welches in der Sprache des Films steckt, zurückführt. Sie zeigen einen Weg zu Filmen, die einfache Tugenden vorziehen und die auf ein glamouröses Äusseres verzichten - zugunsten einer überzeugenden Darstellung und einer realistischen Geschichte.
Peter Schepelern ist Autor mehrerer wegweisender Monografien zu Lars von Trier oder Dogma 95, er lehrt an der Universität Kopenhagen Filmwissenschaft.
Englischer Originaltext von Peter Schepelern
Zyklus: Dogma 95: Die Filme
Filme in diesem Zyklus:
Dogma#1: Festen |
Dogma#2: Idioterne |
Dogma#3: Mifune |
Dogma#4: The King Is Alive |
Dogma#5: Lovers |
Dogma#6: Julien Donkey-Boy |
Dogma#7: Interview |
Dogma#12: Italian for Beginners |
Dogma#13: Amerikana |
Dogma#14: Joy Ride |
Dogma#18: Truly Human |
Dogma#20: Strass |
Dogma#21: Kira's Reason - A Love Story |
Dogma#25: Converging With Angels |
Dogma#28: Open Hearts |
Dogma#29: The Bread Basket |
Dogma#32: Old New Borrowed and Blue |
Dogma#35: Cosi X caso
[http://www.xenix.ch] 17-02-04