Japanische Filme der 90er Jahre
Im Reich der Zeichen / Japanisches Kino - heute

Themen und Filme

Nach dem spannenden Zyklus von 1996 zur japanischen Neuen Welle der 60er und 70er Jahre haben wir uns entschlossen, den im kommerziellen Kinobetrieb kaum repräsentierten japanischen Film der 90er Jahre vorzustellen. Die Zeit dafür ist reif, denn Kinohits aus anderen asiatischen Ländern, vor allem aus Hong Kong und China, haben unsere Sehgewohnheiten mittlerweile genügend sensibilisiert und unsere Wahrnehmung für die Originalität und Innovationskraft des jüngsten japanischen Kinoschaffens geschärft. Dem haben auch die Kritiker auf zwei der grössten Festivals, Cannes und Venedig, im letzten Jahr mit ersten Preisen Rechnung getragen. Deshalb hier und jetzt eine Auswahl von unabhängig, das heisst, nicht von grossen Studios und ohne absurde Budgets produzierten Filmen. Einfallsreich und ohne sich vom amerikanischen Kommerzkino gängeln zu lassen geht auch die neue Generation japanischer Filmemacher eigene Wege, wobei sie sich in einem Spektrum bewegt, das in all seiner Heterogenität kaum zu erfassen ist. Als Orientierungshilfe durch dieses Programm, das im Verhältnis drei zu eins auf das Kino Xenix und das Filmpodium verteilt ist, kann man jedoch folgende Themenschwerpunkte skizzieren.
(N.B. Alle Personennamen sind gemäss japanischer Konvention umgestellt: zuerst der Familienname, dann der Vorname.)

Jugendliche
Im Hinblick auf sich ändernde Konsumstrukturen und einen anderen Publikumsgeschmack wurden in Japan seit den 50er Jahren Filme über Jugendliche produziert. Damals wie heute stehen Schwierigkeiten mit dem Erwachsenwerden, erste sexuelle Erfahrungen und (Liebes)beziehungen im Mittelpunkt. Geändert haben sich vor allem Alter und Anspruch der Regisseure. Während früher ältere Studioprofis jugendliches Genrekino vom Fliessband lieferten, sind heute eigene Erfahrung, subjektiver Blickwinkel und die Betroffenheit des Autors massgebend. In Picnic sind wir bei einem Trio psychisch labiler Aussteiger, das sich weder 'drinnen' noch 'draussen' wohl fühlt. In Kitano 'Beat' Takeshis Kids Return geht es um das Sich Behaupten und Überleben in einer konformen Welt, während Yaguchi Shinobu uns in Hadashi No Picnic auf die alptraumartige Talfahrt einer Schülerin schickt, die auf harte Weise lernt, selbständig zu werden. In seinem Himitsu No Hanazono geht es nicht weniger erlebnisreich um den Erfolgskurs eines jungen Mädchens, das nur ein Ziel kennt: Geld! Sowohl in San-Gatsu No Lion wie in Mohatsu Kageki steht dagegen die Liebe im Vordergrund, zum einen ein inzestuöses Bruder-Schwester Verhältnis, zum anderen eine 'haarige' Künstlerbeziehung.

Moderne Beziehungen
Ehescheidung war lange Zeit ein Tabuthema in Japan. Jetzt wird der Zusammenbruch traditioneller Familienstrukturen vermehrt als Thema aufgegriffen, und man setzt sich mit den Auswirkungen auf die Beteiligten und mit deren inneren Konflikten auseinander. Wichtige Punkte sind wachsende individuelle Unabhängigkeit, freie(re) Partnerschaften und Alternativen des Zusammenlebens. So kämpft sich in Koraku Zaru eine kommunikationsgestörte Modellfamilie durch eine absurde Arbeits- und Urlaubswelt. Während sich 'Kana-Kana' sensibel mit dem Single-Dasein auseinandersetzt, geht es in 2 Duo an die Substanz einer destruktiven Zweierbeziehung. In Romansu werden zwei Männer auf dem besten Weg zur Mid-Life-Crisis von einer charmanten jungen Frau auf einen emotionalen Kollisionskurs gebracht.

Ausländer
Das Verhältnis der Japaner zu ihren Nachbarn, vor allem Koreanern, ist schon längere Zeit gespannt. Mittlerweile gibt es jedoch mancherlei künstlerische Kooperationen mit asiatischen Nachbarländern (Hong Kong, Taiwan, Korea). Die Schwierigkeiten von und mit Ausländern, und vor allem die Probleme von Immigranten in Japan werden immer öfter thematisiert. Tsuki Wa Docchi Ni Deteiru ist eine temperamentvolle Gastarbeiterkomödie im koreanischen Taxifahrer- und philippinischen Hostessenmilieu, und Waga Jinsei Saiaku No Toki nimmt als flotte Kriminalparodie die Spur inter-asiatischen Bandentums auf.

Schwule Sensibilität
Ein neues Selbstverständnis gegenüber Frauen und dem eigenen Geschlecht keimt vor allem unter jüngeren japanischen Männern. Dies hat im eher homophoben Klima Japans auch zu freimütigeren Bekenntnissen von Homosexuellen geführt, die sich durch sensible, zum Teil sehr experimentelle und poetische Annäherung an die eigene Situation auszeichnen. Ihre Filme produzieren sie jedoch meist nicht für ein Schwulenghetto, sondern für ein breiteres Publikum, das auch für explizit sexuelle Inhalte traditionell offener ist als bei uns. In der Sexfilmindustrie gibt es sowohl im heterosexuellen ('Pink Eiga' = 'Rosa Filme') wie im homosexuellen Bereich ('Bara Eiga' = 'Rosenfilme') künstlerisch durchaus wertvolle Filme. In Hatachi No Binetsu geht es um die sexuelle Identitätsfindung zwischen bürgerlicher Heteroexistenz und homosexuellem Strichertum. In Irome und Irone entwickelt Oki Hiroyuki eine sehr persönliche schwule Sensibilität, die sich in Heaven-6-Box in dem geradezu magischen Porträt der südjapanischen Stadt Kochi ausdrückt. In dem Pink Eiga Waisetsu Boso Shudan, Kemono entwickelt sich eine Godardeske Dreiecksgeschichte vor dem Hintergrund des medienpräsenten Irakkriegs.

Manga Einflüsse
Manga sind extrem populäre japanische Comics. Kein Wunder, dass diese Faszination mit Zeichenheften ein eigenes Genre des Animationskinos inspiriert hat. Interessante Mischformen finden sich in Spielfilmen, die aus der Ideenwelt und Form des Manga schöpfen, aber keine Animationsfilme sind. Dazu gehören Koraku Zaru, Hadashi No Picnic und Himitsu No Hanazono, sowie die rasante und trashige Softcore-Mediensatire Otenki Onesan. In 'Fatherfucker' (The Girl of Silence) wird Mangazeichnen zur kreativen Realitätsbewältigung einer missbrauchten Vierzehnjährigen.

Filme von Frauen
Während Frauen in tragenden Rollen sich immenser Populärität erfreuen, sind Filmemacherinnen auch im Japan der 90er Jahre noch eine Seltenheit. Sie werden aber in Zukunft sicher mehr von sich reden machen. Mit 'Moe No Suzaku' von Kawase Naomi stellen wir eher klassisches Erzählkino und mit Claustromania, Ice Cream 38° C, Athletics#3 und Momoiro Baby Oil von Wada Junko spannendes Experimentalkino von Frauen vor.

Thriller und das Revival des Gangsterfilms
Der Bezug auf die japanische Tradition von Samurai- und Yakuza-Filmen hat - gepaart mit einem stilistischem Interesse an amerikanischen Gangsterfilmen - zu einem Revival dieses Genres geführt. Dabei sind sowohl substantielle wie parodistische Erneuerungen zu konstatieren. Mit Saigo No Drive, 'Angel Dust' und 'Yume No Ginga' sind drei subtile Psychothriller auf dem Programm, und mit Nudo No Yoru und Waga Jinsei Saiaku No Toki geht es in die Nippon-Noir Ecke. Sowohl Sonatine wie Onibi sind als Yakuzathriller konzipiert, bewegen sich aber beide jenseits des schablonenhaften Gangsterfilms. Die aussergewöhnlichsten Filme dieses Programms sind nur am Rande Thriller und überzeugen durch eine ganz eigene Form und Spannung. Focus ist eine harte Attacke auf die Massenmedien, die selbst abgebrühte Zuschauer zum Nägelkauen bringt. D.A.N.G.A.N Runner und Berlin sind in ihrem existentialistischen Experimentalcharakter weit weg von jedem Genre, aber dafür um so mehr am Puls des zeitgenössischen Kinos. Dies gilt auch für Bari.Zogon, einen Dokuthriller um Kernkraft, Mord und Korruption.

Dieses Programm ist in Zusammenarbeit mit KAWAKITA MEMORIAL FILM INSTITUT und THE JAPAN FOUNDATION entstanden.

Himitsu No Hanazono | 2 Duo | D.A.N.G.A.N Runner | Otenki Onesan | Romansu | Tokyo House | Koraku Zaru | Mohatsu Kageki | Waisetsu Boso Shudan, Kemono | San-Gatsu No Lion | Image Forum - Experimentalfilme | Irome | Irone | Heaven-6-Box | Saigo No Drive | Kids Return | Onibi | Picnic | Hadashi No Picnic | Tsuki Wa Docchi Ni Deteiru | Berlin | Waga Jinsei Saiaku No Toki | Hatachi No Binetsu | Bari.Zogon | The Hat Man | Focus | Nudo No Yoru | Pineapple Tours | Sonatine
Kino Xenix beim Helvetiaplatz Kanzleistrasse 56 CH-8004 Zürich xenix@swix.ch
Programmtelefon ++41 1 242 04 11 (Keine Reservationen)

Last Updated: 5.4.1998 netnet@swix.ch