Japanische Filme der 90er Jahre

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Tokyo House

    ISHIDA Sumiaki, Japan 1990; 7 Min., ohne Dialog
    Mit verschiedenen Animationstechniken (Overlaps, Cut-Out, Freeze/Zeitraffer Aufnahmen) geht Ishida Sumiaki der Erinnerung an das traditionelle japanische Haus und dem Gefühl für Holz nach. Der Film ist mit stark rhythmischer elektronischer Musik unterlegt und lebt von intensivem Bildwechsel innerhalb eines relativ fixen, stilisierten Rahmens, den die Architektur eines Hauses vorgibt.

Koraku Zaru - Monkeys in Paradise

    IWAMOTO Kenchi, Japan 1993; 82 Min., Jap/e
    Mit KOHTARI Yuji, KANDA Kurenai, KURIHARA Takaaki, MURAKOSHI Aiko
    Papa, Mama und die beiden Kinder machen sich an einem heissen Sommernachmittag in den sechziger Jahren auf den Weg in die Ferien. Kommunikation ist nicht ihre Stärke und so behält jeder seine individuellen Alltagsprobleme für sich. Im Büro stellt Papa nämlich einer der weiblichen Angestellten nach, während Mutti - sexuell vernachlässigt - ihrerseits um die Gunst eines künstlerisch angehauchten Arbeitskollegen wirbt. Tochter Michiko dagegen lebt in permanenter Notzuchtspanik, sobald sie das elterliche Haus verlässt, und Sohnemann versucht verzweifelt, seine Ex zurückzugewinnen. Auch wenn sie sich nicht viel zu sagen haben, so halten sie doch wie jede gute japanische Familie verbissen zusammen. 'Wir sind doch alle Affen' ist das Resümee ihrer Reise.
    Iwamoto Kenchi hatte bereits als Autor von Manga Comics einen Namen, bevor er sich an das Medium Film machte. Nach 'Kikuchi' ist 'Koraku Zaru' der zweite Teil einer geplanten 'Trilogie über Kommunikation'. In gewisser Weise ist Iwamoto auch hier dem Stil von Bildergeschichten treu geblieben, die er kongenial nachsynchronisiert und vertont, einfärbt und in Bewegung setzt. Seine Vision einer entfremdeten Welt verstärkt er durch Farbfilter und einen ausgetüftelten Soundtrack. Auffällig sind auch die Montage des Films und die Körpersprache der Protagonisten. Iwamoto will damit den 'einzigartigen Alltags-Rhythmus des Japanischen' einfangen und einem spezifisch japanischen Bewegungs- und Sprachduktus gerecht werden. Comic-Avantgarde und absurde Komödie zugleich: Die Rückkehr der 'Familie mit dem umgekehrten Düsenantrieb' (Gyakufunsha Kozaku).

Mohatsu Kageki - The Hair Opera

    OBITANI Yuri, Japan 1992; 60 Min., Jap/e
    Mit OBITANI Yuri, KOSUZU Yosefu, KAMISAKI Tomoko
    Ein ursprünglich auf Super-8 gedrehter Spielfilm, der mit Homemovie-Standards und dem Format des japanischen Filmbriefs arbeitet. Mit zuweilen etwas spröder Erotik aber einem Humor, der in seiner Selbstironie einem europäischen Publikum nicht fremd sein dürfte, wird aus der Erzählperspektive eines Experimentalfilmer-Ichs eine nicht ganz einfache Liebesgeschichte erzählt. Obitani Yuri, Regisseur und Hauptdarsteller der 'Haar Oper', lernt auf einer Vernissage eine provokante Konzept-Künstlerin kennen, die für ihre Ausstellung eine Serie von 50 Exponaten unter dem Titel 'Haartagebuch' zusammengestellt hat. Das ist eine Sammlung von Schamhaaren ihrer Liebhaber, die sie auf Karton aufgeklebt und mit dem Namen des Mannes und dem Datum der Aktion untertitelt hat. Damit sind wir beim Leitmotiv des Films: Obitanis Faszination mit weiblicher Körperbehaarung. Sein spezielles Interesse an der Künstlerin verfolgt er zunächst über eine Filmkorrespondenz auf Super-8. Dank seiner Beharrlichkeit kann er nach einigen Anfangsschwierigkeiten das Objekt seiner Begierde dazu gewinnen, ihm leibhaftig und in voller Behaarung gegenüber zu treten.
    Ein spontaner, frischer Atem trägt dieses No-Budget Erstlingswerk, das im Stil einer komischen Oper beginnt und als tragische Oper endet. Phantastisch sind auch kleine Einlagen, wie etwa die Reportage eines Pferderennens, die Obitani mit dem auf Zelluloid aufgeklebten Schwanzhaar des gewinnenden Pferdes abschliesst. Ein witzige Reflexion der Filmkunst, die sich verschmitzt hinter Dilettanz und parodistischen Elementen versteckt.

Waisetsu Boso Shudan, Kemono - No Man's Land

    ZEZE Takahisa alias Jean-Luc Zezemusch, J 1991; 62 Min., Jap/e
    Mit KATO Rika, ITO Takeshi, KOBAYASHI Yoshihiko, ITO Kiyomi
    Die Wege von drei Aussenseitern kreuzen sich irgendwo in der Grosstadt. Zwischen lakonisch getätigten Deals und semi-professionellem Abhängen sehnen sich ein Auftragskiller, ein Kleingangster und eine jungen Drifterin nach Kommunikation in einer entfremdeten Welt. Vor dem Hintergrund des medienpräsenten Golfkrieges schürfen sie in verschiedenen Paarungen nach dem Sinn des Lebens, bevor es in einer öden Sumpflandschaft zum existentiellen Showdown kommt.
    Zeze Takahisa, ein junger Sexfilmregisseur, bediente sich für dieses Unternehmen des Alias 'Jean-Luc Zezemusch' und bestätigt damit, dass die Parallelen zu frühen Godardfilmen, insbesondere Pierrot Le Fou, nicht unbeabsichtigt sind. Der Originaltitel von 'No Man's Land', frei als 'Obszönität auf wilden Pfaden, Bestie' zu übersetzen, richtet sich um einiges expliziter an das japanische Zielpublikum von 'Pink Eiga' ('Rosa-', d.h. 'Sexfilmen') als es der existentiell anmutende englische Titel erahnen lässt. Mit der Auflage, ein paar Sexszenen unterzubringen, und bei einem zeitlich wie finanziell begrenzten Budget ist dem Regisseur jedoch freier Lauf für die Entwicklung der Geschichte und der Dialoge gelassen. Die drei längeren Sexszenen, die Zeze in seine Dreiecksgeschichte eingebaut hat, sind gut motiviert und mit Geschmack inszeniert. Als Rika in dem Apartment eines ehemaligen Freundes nach einer Bleibe für die Nacht sucht, trifft sie dort einen Fremden an. Sichtlich mehr an dem Fernsehkrieg im Irak interessiert als an ihr, lässt er sie dennoch bei sich übernachten. Am nächsten Morgen zeigt er mehr Interesse, und es kommt zu einer mit 60er Jahre Flair gefilmten Rangelei vor einer grossen Weltkarte, bei der sich die beiden statt erotischen Kosenamen Grosstadtnamen aus aller Welt zuwerfen.

San-Gatsu No Lion - March Comes in Like a Lion

    YAZAKI Hitoshi, Japan1990; 118 Min., Jap/d;
    Mit YURA Yoshiko, CHO Bang-ho, OKUMURA Koen, SAITO Shoko
    Wie in ein Märchen werden wir in die Geschichte von einem Bruder und seiner Schwester eingeführt. Haruo ('Frühling') verliert das Gedächtnis, und seine Schwester Ice beschliesst ihn zu lieben, bis er es wiederfindet. So sind sie gemeinsam auf der Suche, sie nach der ewigen Liebe, er nach seinen verloren gegangenen Erinnerungen und Gefühlen. Ihre Grossmutter ist bereits 40 Jahre glücklich mit Grossvater zusammen. Auch sie kann Ice keine definitive Antwort auf die grosse Frage geben. Sie zeigt ihr nur ein Fläschen mit 'Gift', mit dem sie und Grossvater sich geschworen haben zusammen Selbstmord zu begehen, wenn nichts mehr geht. Haruo und Ice ziehen zusammen in ein Abbruchhaus. Die kalte Bude, in der sie nur zwei Monate bleiben können, wird die Kulisse ihres Sich-(Wieder)Findens. Ihre Liebe wächst, doch langsam erholt sich auch Haruos Gedächtnis. Eines Tages erinnert er sich, jemand geliebt zu haben, weiss aber nicht wen. 'Nicht mich' betont sie.
    Diese Inzestgeschichte vor dem Hintergrund einer melancholischen Grosstadt-Kulisse stellt eine moderne Variante des japanischen Ursprungsmythos dar. Von der Umsetzung erinnert der Film an die frühen Werke Jim Jarmuschs. Sehr zart und gefühlvoll, mit einfachen aber emotionsgeladenen Bilder und wenig Dialogen ist der verbotenen Liebe nachgespürt.

    'Dieser schöne klare Film könnte eine archetypische Liebesgeschichte für die 90er sein.' (Tony Rayns)

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Last Updated: 5.4.1998 netnet@swix.ch