Japanische Filme der 90er Jahre

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Image Forum - Experimentalfilme
Ice Cream 38° C
    WADA Junko, Japan 1994; 9 Min., Jap/e
    Ein Mädchen läuft an einer leeren Häuserfront entlang nach Hause. Dort angekommen streicheln ihre Hände den Fensterrahmen. Ein Baum, ein Milchtropfen, der sich in Wasser auflöst. Ihr Mund schleckt an einem Holzstäbchen für Eiscreme. Dann sitzt sie nackt und alleine in einer Ecke ihres Zimmers. Mit klarer Bildkomposition und Stilsicherheit schafft diese junge Künstlerin kleine Meisterwerke, die von einer kontemplativen Spannung und einer sehr authentischen Stimmung getragen werden. Hier kreiert sie eine quasi-autistische Atmosphäre zwischen dem erlebenden Subjekt, der Umwelt und der Imagination. Selbstwahrnehmung, Weiblichkeit, Erotik und Sexualität stehen im Mittelpunkt.

Claustromania

    WADA Junko, Japan 1994, 6 Min., Jap/e
    In sehr eigenwilliger Form und Ästhetik setzt sich Wada Junko mit ihrer Person und dem weiblichem Selbstempfinden auseinander. Zuerst sehen wir den Himmel, dann Photos von verschiedenen Himmeln, an denen eine Frau herumschneidet. In rhythmischer Wiederholung schliesst sie Flaschen, Türen, Schubläden und andere Objekte, bevor sie mit Messrädchen, Geodreiecken, und Massbändern ihren nackten Körper zu erkunden beginnt. Begleitet werden die suggestiven Bilder von geflüsterten Offtexten, die die Atmosphäre ihrer 'Klaustromanie' akustisch untermauern. Wie ihre anderen Filme besticht dieser formal durch Bildkomposition und Montagerhythmus, hypnotisch intonierte Texte und die Spannung zwischen Text und Bild.

Momoiro Baby Oil - Peach Baby Oil

    WADA Junko, J 1995; 17 Min., Jap/e
    Zunächst auf der Strasse und dann in ihrem leeren Zimmer sinniert ein 20jähriges Mädchen über die Unsicherheit der physischen Existenz, über das Empfinden ihrer Kindlichkeit in einem zu schnell wachsenden Körper, und über ihre Vorstellungen von Reife, Sex und Erwachsensein: 'What if I grow big, what if the building falls down, what if the bridge crumbles, what if I don't remember where my home is, what if I grow big ... What should I do if it gets bigger?' Eine Kindfrauenerotik ist sowohl auf der Bild- wie auf der Textebene prägend. Die obsessive und hyperintensive Wahrnehmung des Wachstums wird durch ungewöhnliche Perspektiven des nackten Körpers im Kontrast zu kahlen Wänden physisch spürbar. Die stark rhythmisierten, traumartigen Reflexionen der Protagonistin geben den Bilder zusätzlich Kraft. Ein eleganter, dichter Film.

Zone

    ITO Takashi, J 1995; 13 Min., ohne Dialog
    Ein sowohl technisch wie inhaltlich brillianter Experimentalfilm, der die interne Verwirrung eines kopflosen Mannes ergründet. Durch gelungen eingesetzte Animationstechniken schafft Ito eine künstliche, traumhafte Atmosphäre, die durch die Symbolik der gewählten Motive noch verstärkt wird: Der kopflose Mensch meisselt in grobes Verbandsmaterial gehüllt ein Photokamera-Objektiv kaputt; ein maskierter Zwerg spielt mit Lichtspuren in der Luft. Mit elektronisch verstärkten Alltagsgeräuschen (Vogelkreischen, Weckergeräuschen) wird die imaginäre Stimmung der Bilder im Tonbereich fortgesetzt.

    'Dieser Mann ist mein Alter Ego, und die Szenen, die sie sehen, beschreiben meinen inneren Zustand. Ich habe versucht, aus Erinnerungen, Alpträumen und Sehnsüchten ein Bild von gewaltiger Intensität zu kreieren.' (ITO Takashi)

Gi-Souchi M - Apparatus M

    ITO Takashi, J 1996; 6 Min., ohne Dialog
    In Zusammenarbeit mit MORIMURA Yasuyama
    'Gi-Souchi M' wurde ursprünglich als Installation für eine Photoaustellung produziert. Morimura Yasuyama, einer der bekanntesten Transvestiten Japans, porträtierte für diese Ausstellung berühmte japanische und internationale Schauspielerinnen. Hier stellt er Marilyn Monroe dar, so wie sie in 'The Seven Year Itch' zu sehen war.
    Wie die anderen Filme Itos lebt auch dieser von der Sensibilität für Kom position und Bildrhythmus, und einem wohldimensionierten Einsatz von Animationstechniken (Zeitraffer, Bildüberlagerungen und Transformationen durch die Kombination von Film und Photomontage). Eine zersplitterte U-Bahn fährt in eine Station ein. Kosmetikartikel sammeln sich zitternd in der spröden Hand einer Mannequinpuppe. In springenden Bildern einer öffentlichen Männertoilette wird die zur Ikone gewordene Szene Marilyns über dem windigen U-Bahnschacht nachgestellt, mit einem kleinen aber bedeutenden Unterschied...

Roundscape
    NAKANISHI Yoshihisa, Japan 1997, 3 Min., ohne Dialog

    Ein kurzer, schnell montierter Tekknomovie, der eine erfrischende und intelligente Alternative zum Musikvideoallerlei aufzeigt. Ein elektrisierender Soundtrack rhythmisiert die Kollage einer menschenlosen Stadtlandschaft und ihrer Zeichen. Mit Stakkato-Jumpzooms werden urbane Details herausgegriffen und im Rückwärtsgang wieder in die urbane Szenerie versenkt. Als einziger Repräsentant der menschlichen Bewohner geht die Fussgängerikone eines Strassenschildes über die Strasse.

 

The Moon

    ITO Takashi, J 1994; 5 Min., ohne Dialog
    Wie in 'Zone' arbeitet Ito auch in 'The Moon' viel mit (sur)realen Rahmen, die in Landschaften eingebaut den Zugang zu anderen Landschaften eröffnen. Mit überlagerten Bildern eines zitterig animierten Lebens wird ohne Sprache, aber mit Hallgeräuschen und grauem Rauschen kombiniert, eine hyperreale Kunstwelt erzeugt: ein übergrosser, plastischer Mond drängt sich durch den Türrahmen in eine taghell erleuchtete Landschaft; eine schnell montierte Photosequenzen von Blumen ergibt einen animiertem Blumensalat. Zerbrochene Glasstücke auf Bildern, die mit ihrer Beweglichkeit den Rahmen zu sprengen drohen, signalisieren eine weitere Ebene der Wahrnehmung und unendlich verschiedene Aspekte der Realität.

Athletics#3 - Exercise March
    WADA Junko, Japan 1995; 8 Min., Jap/e

    Ein Mädchen läuft im Zimmer auf und ab, setzt sich auf den Stuhl, legt sich aufs Bett und lässt sich in erotische Tagtraumphantasien mit dem Zeitungsjungen gleiten. Wartet sie wirklich auf ihn oder nicht? Ist er auf dem Weg zu ihr oder ist er nur eine Chimäre? Sehr private und sehr schöne Bilder aus dem intimen Kosmos eines jungen Mädchens in einer stilistisch sehr überzeugenden Choreographie von Bildern, Worten und Musik. Wada Junko verführt in eine Intimität an der der Zuschauer teilhaben kann ohne zum Voyeur zu werden.

 

Eizo-Shokan 5 - Correspondence

    KAWANAKA Nobuhiro & HAGIWARA Sakumi, J 1994; 29 Min., Jap/e

    Dies ist der fünfte von bisher sieben 'Filmbriefen' zwischen den beiden Experimentalfilmern, die sich in insgesamt zehn Beiträgen zu dem Thema 'Erinnerung und Bild' mitteilen. Während sie thematisch wie formal aufeinander Bezug nehmen, kommen in der Gegenüberstellung jedoch ihre unterschiedlichen Erlebniswelten und ästhetischen Eigenheiten zum Ausdruck.
    Die beiden Korrespondenten beziehen sich auf die frühen Jahre des 'Image Forum', der Wiege und Dachorganisation des japanischen Experimentalfilms, auf zeitgenössische Filmemacher ihres Landes, sowie auf Terayama Shuji, den 1983 tragisch verstorbenen Mentor der experimentellen Theater- und Filmszene Japans. Die einleitenden Bilder von nackten Füssen, getragen von der Frage nach der Evolution des menschlichen Körpers, klingen zum Ende der Korrespondenz mit zwei rhythmisch montierten Sequenzen von wunderschönen Polaroidphotos aus, auf denen eine Dächerlandschaft unter bewölktem Abendhimmel mit Grossaufnahmen der menschlichen Anatomie kontrastiert wird.
    Die Beiträge von Hagiwara Sakumi sind filmisch kreativer. Er findet eindrücklichere Bilder, ist visionärer als sein Gegenüber, und schafft eine intensivere Stimmung. Kawanaka Nobuhiro's Reflexionen wirken konventioneller und orientieren sich an einer eher nostalgisch gefärbten Form der Erinnerung.

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Last Updated: 5.4.1998 netnet@swix.ch