<- mehr Scorsese

Raging Bull

    Martin Scorsese, USA 1980; 129 Min., E/df
    Mit Robert De Niro, Cathy Moriarty, Joe Pesci
    raging.gif
    Der Stoff zu Raging Bull wurde Scorsese von Robert De Niro, der diese Geschichte unbedingt verfilmt haben wollte, zugetragen - in einer Zeit, da der Regisseur von seiner Kokainsucht loszukommen versuchte. Erst Jahre später habe er realisiert, so Scorsese, dass er sich mit Hilfe der rohen Gewalt dieses Boxers selber wieder aus dem Loch herausgefilmt haben, in dem er sich befand, und dass darin eine versteckte Verarbeitung seiner Drogensucht liege. Er sei überzeugt gewesen, dass dies sein letzter Film würde. Kaum ein anderer seiner Filme berührt denn auch mit dieser direkten Wucht, stellt derart schmerzlich Begrenzungen und emotionales Unvermögen seines Helden zur Schau. Die Geschichte ist dem Leben Jake La Mottas nachempfunden, der in den 40er Jahren Weltmeister im Mittelgewicht war. Um dem Vorbild physisch zu entsprechen, verwandelte sich De Niro innerhalb weniger Wochen vom muskulösen Athleten in einen apathischen Dickwanst.
    Raging Bull handelt von brutaler Gewalt, Wut, Schuld und Erlösung. Raging Bull ist auch, wie oft bei Scorsese, ein Film über die Unfähigkeit eines Mannes, seine Frau anders als in dem beschränkten Schema von Hure und Madonna wahrzunehmen. Es will ihm nicht in den Kopf, dass eine Frau Freundin, Partnerin und Geliebte sein kann. Unsicher in seiner eigenen Männlichkeit wird Jake besessen von Eifersucht - und reagiert seine Eifersucht als Gewalt ab.
    Spektakulär sind die Kampfszenen im Boxring, welche der Cutterin Thelma Schoonmaker, die fortan alle wichtigen Scorsesefilme montieren wird, einen Oscar für die beste Montage einbrachten. Raging Bull gilt als Scorseses bislang unerreichtes Meisterwerk.


The King of Comedy

    Martin Scorsese, USA 1982; 108 Min., E/df
    Mit Robert De Niro, Jerry Lewis, Sandra Bernhard, Diahnne Abbott
    king.gif
    The King of Comedy ist eine bitterböse Persiflage auf das erfolgversprechende Mittelmass im Showbusiness. Der drittklassige Komödiant Rupert Pupkin träumt von einem Auftritt in Jerry Langfords populärer TV-Comedy-Show. Es gelingt ihm, sich eines Abends in Jerrys Limousine zu drängen, wobei er ihn dazu überreden will, ihn in die Show aufzunehmen. Bereits sieht sich Rupert als König der Komödie, doch als er daraufhin immer wieder in Jerrys Vorzimmer eisig abgewimmelt wird, greift er zu wirkungsvolleren Massnahmen. Zusammen mit der energischen Masha, die in Jerry die Verkörperung ihrer sexuellen Phantasien sieht, entführt er den Fernsehstar. Dass schliesslich Rupert doch noch zu seinem erträumten Erfolg kommt, offenbart Scorseses pessimistische Sicht auf die amerikanische Unterhaltungsindustrie zu Beginn der 80er Jahre. In Hollywood machte sich immer stärker der Hang zu geglättetem, kalkuliertem Bombast bemerkbar, was Scorsese veranlasste, diese kleine, an ein sophisticated urbanes Publikum gerichtete schwarze Komödie in New York zu drehen. Gerade diese Negation der herrschenden Standards, die gedämpfte Zurückhaltung der Inszenierung in Zeiten überbordender Spezialeffekte machen The King of Comedy zu einem - weitgehend verkannten - Kabinettstück, das De Niro, Jerry Lewis und Sandra Bernhard in Bestform zeigt.


After Hours

    Martin Scorsese, USA 1985; 97 Min., E/df
    Mit Griffin Dunne, Rosanna Arquette, Verna Bloom, Teri Garr
    after.gif
    Paul Hackett, ein integrer junger Büroangestellter gelangt in den nächtlichen Strudel der New Yorker Unterwelt, nachdem er in einem Coffeeshop die attraktive Marcy anspricht und sich mit ihr verabredet. In einer Folge unglaublicher, zunehmend bizarrer werdender Ereignisse strauchelt Paul im Verlauf einer Nacht durch Bars und Etablissements, Apartments und Clubs, um schliesslich von einer aufgebrachten Meute durch Soho gehetzt zu werden. Personen und Gegenstände scheinen sich in geheimer Abmachung gegen Paul, der von Anfang an nichts sehnlicher wünschte, als endlich nach Hause zu gehen, verschworen zu haben, so dass er die atemlose Frage gen Himmel schleudert: "Ich wollte doch nur mit diesem Mädchen ausgehen. Muss ich denn dafür sterben?" Scorsese scheint dies boshaft zu bejahen, indem er den Alptraum des kleinen Mannes immer heftiger eskalieren lässt. Eine komplette Verunsicherung tagheller Standpunkte ist die Folge, denn nichts ist beim zweiten Hinsehen so, wie es sich zunächst präsentiert. After Hours ist die erste Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Fassbinder-Kameramann Michael Ballhaus, der Scorsese eine neue, europäisch gefärbte Bildsprache eröffnete.

-> mehr Scorsese