Retrospektive: Stanley Kubrick

Da Stanley Kubrick öffentlichkeitsscheu ist, kaum Interviews gibt und prinzipiell an keinen Filmfestivals teilnimmt, haben sich um seine Person im Laufe der Zeit diverse Mythen und Legenden gebildet: dass er manische Flugangst habe, selbst im Auto nur mit Sturzhelm fahre, dass er ein notorischer Einzelgänger und Sonderling sei etc. Die verbrieften Fakten lesen sich dagegen weniger spektakulär, sind aber wohl aufschlussreicher, was den Werdegang eines der umstrittensten und berühmtesten Filmregisseure der Gegenwart angeht: Stanley Kubrick wird am 26.7.1928 im New Yorker Stadtteil Bronx als einziger Sohn einer jüdisch-amerikanischen Mittelstandsfamilie geboren.(...) Fotografieren, Lesen, Schach und Schlagzeugspielen in einer Jazzband werden zu Kubricks bevorzugten Jugendhobbys. (...) Im Jahre 1945 verkauft er seine ersten Fotos an die Zeitschrift 'Look', zu deren festem Mitarbeiterstamm er dann bis 1949 zählt. Als Fotoreporter kommt er in diesen Jahren erstmals nach Europa.

1950 zieht Kubrick ins Greenwich Village, wo er seinen Unterhalt als Schachspieler in den dortigen Clubs verdient und sich die täglichen Filmvorführungen im Museum of Modern Art anschaut. Davon inspiriert, beginnt er im gleichen Jahr mit der Regiearbeit. Er ist völliger Autodidakt: Von den Universitäten wegen seines zu schlechten Schulabschlusses abgelehnt, hat er keine Filmhochschule besucht. Er hat nie als Regieassistent oder in einer anderen untergeordneten Funktion praktische Erfahrungen mit dem Medium gemacht. (...) Sein erster, selbstproduzierter Dokumentarfilm über einen amerikanischen Boxer wird 1951 von RKO aufgekauft, die auch seine nächsten kurzen Dokumentarfilme produzieren. Das Geld für seine ersten beiden Spielfilme 'Fear And Desire' (1953) und Killer's Kiss (1955) leiht sich Kubrick von Freunden, Gönnern und Verwandten zusammen. (...) Über die United Artists lernt Kubrick den Produzenten James B. Harris kennen, mit dem er eine gemeinsame Produktionsgesellschaft gründet, die den finanziellen Rückhalt für die Erstellung von The Killing (1956) garantiert, einem Film, der gleich in mehrerer Hinsicht einen ersten Wendepunkt in Kubricks Schaffen markiert. Erstmals kann er seine Funktionen im Produktionsprozess auf die Aufgaben eines Regisseurs, Drehbuchautors und (Co-) Produzenten beschränken. Zum ersten Mal greift er bei der Stoffwahl auf eine Literaturvorlage zurück, und zum ersten Mal hat einer seiner Filme bei Kritikern und an der Kinokasse Erfolg. Die nachhaltigste Veränderung betrifft die Abkehr von Originalskripts. In Zukunft wird Kubrick stets literarische Vorlagen adaptieren und dabei (meist in Zusammenarbeit mit einigen Co-Autoren) erhebliche Veränderungen an dem Ursprungsstoff vornehmen. (...) Kirk Douglas überredet Kubrick 1960, die Regie des Filmes Spartacus zu übernehmen, die Anthony Mann nach wenigen Drehtagen niedergelegt hatte. Es ist der einzige Film Kubricks, bei dem er keinerlei Einfluss auf Drehbuch und endgültige Form hat. (...) Spartacus trennt Kubricks Früh- vom Hauptwerk. Zwar sind schon in den Filmen vor Lolita viele der Kubrickschen Themen und Motive in nuce vorhanden bzw. angelegt. Doch fehlt noch die Geschlossenheit und die übergreifende, alles bestimmende ästhetische Perspektive, die ab Lolita Kubricks Werk zum vielleicht kohärentesten der Filmgeschichte machen wird. Es scheint geradezu so, als habe Kubrick die künstlerisch unbefriedigende Erfahrung mit Spartacus gebraucht, um sich der inneren Notwendigkeit eines ästhetisch geschlossenen Systems bewusst zu werden, in dem er erst seine künstlerische Identität finden kann und dann auch wird.

In der Konsequenz dieser Entwicklung liegt auch, dass die Erfahrungen mit Spartacus Kubrick in seiner Auffassung bestärken, ein Filmregisseur müsse völlige Kontrolle über alle Aspekte des Produktionsprozesses haben. Daher dreht und lebt Kubrick seit 1961 in England, wohin er zunächst nur ging, um dem Einfluss des Production-Codes der amerikanischen Filmstudios bei der Verfilmung von Nabokovs skandalträchtigem Roman 'Lolita' zu entgehen. Nach dem finanziellen Erfolg des Films trennt er sich von James B. Harris und gründet seine eigene Produktionsgesellschaft. Alle folgenden Filme Kubricks entstehen in England. (...) Zu Kubricks bislang nicht realisierten Projekten gehören ein Film über Napoleon sowie Verfilmungen von Schnitzlers 'Traumnovelle' und Stefan Zweigs Erzählungen 'Angst' und 'Brennendes Geheimnis'.

Kontrolle, Disziplin und Perfektionismus sind (spätestens ab Lolita) die Kategorien, die kennzeichnend für Kubricks Produktionsweise sind. Seine Arbeitsbesessenheit, sein Hang zur Perfektion und zu absoluter Kontrolle des gesamten Produktionsprozesses sind seinem Oeuvre gleichsam bis in die letzte Einstellung eingeschrieben. Kubrick plant und organisiert seine Filmarbeit bis ins letzte Detail, so dass sich die Produktionen oft über Jahre hinziehen.

Schon der Erstellung der Drehbücher gehen aufwendige Recherchen voraus: Für Dr. Strangelove hat Kubrick fast 100 wissenschaftliche Werke zum Thema Atomkrieg und -kontrolle gelesen und entsprechende Fachzeitschriften abonniert; für Barry Lyndon wurde eine umfangreiche Kartothek aus Zeichnungen und Gemälden des 18. Jahrhunderts erstellt, nach denen sämtliche Kostüme und Dekors hergestellt wurden, für The Shining und Full Metal Jacket wurden ein amerikanisches Hotel bzw. die vietnamesische Stadt Hué originalgetreu und vollständig auf dem Studiogelände nachgebaut; die Filmmusik zu Full Metal Jacket wurde nach den Original-Hitlisten aus der Zeit der Teth-Offensive zusammengestellt. Diese Akribie und Detailverliebtheit Kubricks wird nur dadurch möglich, dass er über jede Phase der Filmproduktion absolute Kontrolle hat. Er schneidet seine Filme selbst und führt bei den Dreharbeiten die Handkamera, sobald diese eingesetzt wird. Darüber hinaus werden auch die Werbung, die Auswahl der Premierenkinos sowie der Kinoeinsatz in den verschiedenen Ländern und die fremdsprachigen Synchronisationen von ihm überwacht und gesteuert. (...) Kubricks Perfektionismus ist seinen Filmen deutlich anzumerken. Sie stellen ein hermetisches System von Bedeutungseinheiten dar, in dem alles mit allem in Beziehung steht: jedes Detail, jeder Name, jede Zahl, die erwähnt wird, hat einen genau kalkulierten Stellenwert für den gesamten Film. In Kubricks Filmen ist nichts unbeabsichtigt, zufällig oder bedeutungslos, wenngleich er selbst in seinen raren Interviews gerne diesen Eindruck zu erwecken versucht. Er liebt das Spiel mit versteckten Hinweisen philosophischer, film-, kunst- und kulturgeschichtlicher, oft auch mythologischer Natur, die - hat man sie erst einmal enträtselt - schlüssige Hinweise zum Verständnis des gesamten Filmes liefern. (...)

Von nichts ist Kubrick weiter entfernt als vom US-Kino überhaupt: Seine Filmsprache ist eindeutig stärker an europäischen als an amerikanischen Standards orientiert. Zudem steht Kubricks künstlerisches Selbstverständnis zweifelsfrei in der Tradition der europäischen Kulturgeschichte: Der Einfluss der europäischen Literatur und Philosophie auf seine ästhetischen wie weltanschaulichen Positionen ist unverkennbar. Filme wie Paths of Glory, Spartacus und Barry Lyndon belegen Kubricks Interesse an europäischer Geschichte. Seine Auffassung von der Autonomie des Filmautors entspricht der des europäischen Autorenfilms und steht in klarer Opposition zu der des amerikanischen Studiosystems. Insofern erscheint es mir nur berechtigt, die mit amerikanischem Geld finanzierten, von amerikanischen Verleihern herausgebenen Filme des in England lebenden Amerikaners Kubrick dem europäischen Film zuzuordnen und in diesem kulturellen Kontext zu bewerten.

Aus: Kay Kirchmann: Stanley Kubrick - Das Schweigen der Bilder

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Last Updated: 10.7.1997 netnet@swix.ch