Die Filme von Herbert Achternbusch
Servus Bayern!

'Ich musste 1938 auf die Welt kommen, nachdem ich mir meine Eltern schon ausgesucht hatte. Meine Mutter war eine sportliche Schönheit vom Land, die sich nur in der Stadt wohlfühlte. Mein Vater war sehr leger und trank gern, er war ein Spassvogel. Kaum auf der Welt, suchten mich Schulen, Krankenhäuser und alles mögliche heim. Ich leistete meine Zeit ab und bestand auf meiner Freizeit. Ich schrieb Bücher, bis mich das Sitzen schmerzte. Dann machte ich Filme, weil ich mich bewegen wollte. Die Kinder, die ich habe, fangen wieder von vorne an. Grüss Gott!'
Herbert Achternbusch

So beschrieb der Maler, Schriftsteller, Regisseur, Produzent und Schauspieler einst seinen Lebenslauf und wie er zum Film kam. Unter den deutschen Filmemachern ist Herbert Achternbusch in Geist und Form der einzig wirklich Unangepasste. Seit seinem Debutfilm sind seine Kinoarbeiten (bis heute 27 an der Zahl!) nicht nur nicht glatter geworden, sondern immer abenteuerlicher, offener. Sein Filmwerk ist sowohl die Antithese zum parfümierten deutschen Unterhaltungs- als auch zum biederen deutschen Autorenfilm. Es ist durch und durch, nicht nur in einzelnen Szenen, provokant und radikal. Subjektiv bis zum Exzess, immer zwischen Grauen und Komik hin- und hergerissen, zwischen Kalauer und Tiefsinn, nie verlegen um die Zumutung von sogenanntem schlechten Geschmack und monströsen Abgründig- und Masslosigkeiten, ist das Achternbusch-Film-Oeuvre das persönlichste, anarchischste und aufregendste der neueren deutschen Kinofilmgeschichte.
Seine Filme dreht er mit Freunden, Bekannten, Geliebten in Neben- und immer mit sich selbst in den Hauptrollen. Er dreht in den Biergärten von Andechs und Ambach und im Münchner Hofbräuhaus oder anderswo, wo er auch ohne zu Filmen mit seinen Freunden oder allein mit dem Mass Weissbier sitzen würde. Film als Umwandlung oder Fortsetzung des Lebens, als Autobiographie plus Gärungssaft der Phantasie. So sind Achternbusch-Filme immer auch eine Art von (monströsem) Home-Movie, mit Laiendarstellern bestückt. Damit es urtümlich bleibt, hat Achternbusch von Film zu Film zu Film, siebenundzwanzigmal, die Hauptrolle gespielt. Siebenundzwanzigmal also etwas, das halb Achternbusch, halb etwas Anderes, Bizarres, Sich-Verwandelndes ist. Dabei verwandelte er sich im Laufe der Zeit vom Bademeister (Atlantikschwimmer) zum Verbrecher (Das letzte Loch), zum Geköpften (Der Depp), zum Gespenst (Das Gespenst), zu seinem Vater, dem Stenz Adi (Die Olympiasiegerin), zum Trickster und letzten Indianer Hick (Hick's Last Stand, Niemandsland, I Know the Way to the Hofbrauhaus, Ich bin da), zum Rauchfangkehrer und tibetischen Asketen (Ab nach Tibet), zum halbjüdischen, halbarischen Bestattungsunternehmer Hades (Hades) und wieder - diesmal obdachlosen - Hick (Neue Freiheit - Keine Jobs).
Das Komische bei Achternbusch: der Kalauer, der Irrwitz, die Endlosmonologe, die Bajuvarismen, die Wortverdrehungen, die tollwütig falschen Assoziationen, die völlige Zertrümmerung oder Aufweichung der Logik, die Nonsens-Dialoge.
Das Anarchistische bei Achternbusch: die Zersetzung aller Ideologien, die totale Unehrfurcht vor Staat, Kirche, Katholizismus, Obrigkeit, linken und anderen Heilslehren, Verstand, Vernunft, Logik, Fortschritt, Technik, Wissenschaft, Ästhetik, Erzählökonomie.
Die Provokationen von Achternbusch: das Egomanische, das Obszöne, das Pfeifen aufs schöne Kino. Der bewusste Dilettantismus. Das Sprunghafte und Klobige. Das Schlachten aller heiligen Kühe, nicht nur der bayrischen. Die Liebe zum schlechten Geschmack. Die Blödelei, Saublödheit, Ferkelei. Die Menschenliebe. Die Misanthropie. Das Dissonante. Das Missachten der Dramaturgie. Die Kameraunbeweglichkeit. Die Szenenlänge.
Das Verhältnis zur 'deutschen Vergangenheit': In ihrer Masslosigkeit und ihrem Schmerz sind Achternbuschs Filme die radikalste Trauerarbeit, die der deutsche Film hervorgebracht hat ('..., dass denjenigen, die im Nationalsozialismus lediglich einen Verkehrsunfall deutscher Geschichte sehen, das Hören und Sehen vergeht.'). In Das letzte Loch trinkt Achternbusch, sich über die ermordeten Juden der Feueröfen verzweifelnd, zu Tode und springt zuvor in den Krater des Stromboli. In Hades zitiert Achternbusch Wehrmachtsaufnahmen aus dem Warschauer Ghetto im Original und erfindet für einen kleinen jüdischen Jungen, der vor der Kamera der Nazis tanzt, ein Schicksal, das er selbst spielt: der Vernichtung 1944 entkommen, wird er 50 Jahre später von Neonazis in München erschlagen.
Einige Achternbuschs Filmsprüche sind zu modernen Klassikern und geflügelten Worten geworden. 'Hüte dich vor allem, was es gibt.' 'Besser nix als gar nix.' Die berühmteste Sentenz stammt aus den Atlantikschwimmern - Achternbusch in einem Satz: 'Du hast keine Chance, aber nutze sie.'
Verwünscht. Boykottiert. Mit Spielverboten im Fernsehen belegt. Totgesagt. Und doch, immer wieder beharrlich, produktiv wie kaum ein anderer: Ich bin da. Der Bayern liebende, hassende bayrische Poet als radikaler Filmemacher, kaputtgemacht von der 'Gegend'. Doch 'ich bleibe solange, bis man ihr das anmerkt.'

Das Xenix zeigt in diesem Monat neun seiner siebenundzwanzig Filme. Die Auswahl stammt von Herbert Achternbusch persönlich, der zu Beginn der Werkschau in Zürich zu Besuch erwartet wird (genaues Datum bitte der Tagespresse entnehmen).

'Filmend verteidigt er wütend seine Ideen. Er zeigt sie her. Achternbuschs Bilder anzusehen, brauchts keine Bildung. Und wer behauptet, sie seien unmissverständlich, der hat ganz recht. Traumbilder zu rationalisieren bringt nichts. Aber die Debilität unserer Phantasmen und Traumvorstellungen, aber die unendlichen Mühen beim Grosswerden, unter Verhältnissen, die andauernd dagegensprechen, die kann sehen wer will. Wer's nicht sieht, sollte sich ganz ernsthaft fragen, ob er nicht von all den anderen, verdauten, verordneten Bildern längst blind geworden ist.'
Frieda Grafe

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Last Updated: 5.6.1998 netnet@swix.ch