Carte Blanche an Viktor Sidler

Mit seinen Filmkundekursen am Mathematischen Naturwissenschaftlichen Gymnasium Rämibühl und mit seinen Filmvorlesungen an der ETH Zürich hat Viktor Sidler bei manch einem Studenten das Interesse für das Medium Film geweckt. Für viele von ihnen - so auch beim einen oder anderen Xenixler der ersten Stunde - wurde daraus eine Liebesgeschichte, eine Leidenschaft, die bis heute anhält. Im Xenix-Jubiläumsjahr steht niemandem mehr eine Carte Blanche zu als Viktor Sidler, der durchaus als geistiger Mitbegründer des Xenix bezeichnet werden kann.

Bei der Präsentation einer Carte Blanche sieht man sich unversehens auf das eigene Filmverständnis zurückgeworfen: will man sich möglichst bizarre Filmwünsche und Lieblingsfilme erfüllen oder will man vielmehr Filme einbringen von denen man sich wünscht, dass auch andere sie sehen mögen.

Als ein Experiment ist die Vorführung von Erich von Stroheims bitterbösem sarkastischem Stummfilm Foolish Wives (1921) in einer zweistündigen Super-8-Kopie gedacht. Der Film - eine Rarität - wird, musikalisch untermalt, mit einem Kommentar zum Film präsentiert.
Weiter soll ein Programmblock von drei Kurzfilmen die Spannbreite filmischer Umsetzung vergegenwärtigen. Zunächst in der gestalterischen Gegensätzlichkeit zweier Maupassant Verfimungen, die beide auf ganz verschiedene Weise das von Schönheit und Heiterkeit überdeckte Abgründige von Maupassants pessimistischen Novellen erfassen: In Jean Renoirs hinreissend inszeniertem Filmfragment Une partie de campagne (1936-1946) zerbricht der lichte malerische Impressionismus brutal an der Düsternis des poetischen Realismus. Dem gegenüber setzt Walerian Borowczyk in Rosalie (1966) die schöne Kindsmörderin auf der weissen Leinwand einer Befragung aus, die in einer schonungslosen Minimal Art - Konzentration auf ihr Gesicht und die unverrückbaren Gegenstände der Tat - besteht. Die von Borowczyk vorgenommene Reduzierung und Zentrierung des Blicks lässt sich anhand der regungslosen Fixierung des szenischen Ortes in Zbigniew Rybczynskis Tango (1980) weiterverfolgen. Dabei stösst Rybczynski an die Grenzen filmischer Machbarkeit vor und wird in der Folge konsequenterweise keine Filme, sondern computergesteuerte Videoexperimente und Musik-Clips realisieren.

Ein Film Surprise aus dem Jahre 1968 wird die Fragestellung 'Was ist Film' weiterführen. Film ist auch, was keiner klassischen Filmtheorie und Erzählstruktur entspricht: das Bild an sich in seiner magischen Ausstrahlung, Ruhe und Schönheit. 'Wenn das Kino eine Kunst des Schlafes ist, gibt es nur einen Menschen, der den Schlüssel der Träume besitzt', verkündete Henri Langlois, der einstige Konservator der Cinémathèque Française, in seiner emphatischen Begeisterung für Jean Vigos L'Atalante (1934); ein poetisches Meisterwerk der Filmgeschichte.

Aus Hass auf das Geld, das den Cineasten stets fehle, habe er, behauptete Marcel L'Herbier von sich, den L'Argent (1928) gedreht. Es kostete ein Vermögen, damit das Geld als Produktionswert auf der Leinwand ästhetisch sichtbar würde. Die Verfilmung des gleichnamigen naturalistischen Romans von Emil Zola als deutsch-französiche Grossproduktion, die ein europäisches Hollywood suggerieren sollte, wurde ein brillantes Spätwerk der Stummfilmzeit das in der Handhabung von Dekors, Licht, Kamerabewegungen und Schnitt keine Grenzen mehr zu kennen schien.
Orson Welles wiederum gebraucht, ähnlich wie Erich von Stroheim, die Mittel Hollywoods um in seinem genialen Film The Lady from Shanghai (1948) die Aesthetik des Hollywoodfilms, besonders des 'film noir' zu persiflieren und zugleich das amerikanische Selbstverständnis von Frau, Geld und Liebe zu demaskieren: eine Gesellschaft von Haifischen.
Die Carte Blanche soll ihren Abschluss in der fast vierstündigen Projektion von Theo Angelopoulos' Geschichts- und Erzählgemälde O Thiassos (Die Wanderschauspieler), 1974, finden - einem legendären Film, der in langen Einstellungen und in der virtuosen Handhabung von Zeit- und Erzählstrukturen griechischer Geschichte in einem grossen atemberaubenden Bogen beschreibt. (Viktor Sidler)

Sämtliche Filmtexte sind von Viktor Sidler verfasst worden.
 

Filme in diesem Zyklus: Foolish Wives | Une partie de campagne / Rosalie / Tango | Film Surprise 1 | L'Atalante | L'Argent | The Lady from Shanghai | O Thiassos (Die Wanderschauspieler)

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Last Updated: 27.9.2000 netnet@swix.ch