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This Is England: The Sweat and Laughter of British Underdogs

A Way of Looking at Life: Humor und Exzentrik der Briten

«There are two types of comedians. A funny bones comedian, and a non-funny bones comedian. They’re both funny. One is funny, the other tells funny», eröffnet der gefeierte Entertainer George Fawkes (Jerry Lewis) seinem erwachsenen Sohn Tommy (Oliver Platt) und fügt gnadenlos an: «It’s time you knew… and this kills me the most, but you’re neither. You are not funny.» Tommy zog mit seinen Eltern als Kind von Blackpool, dem Mekka der Komiker, in die Staaten. Jahrzehnte später will er zurück bei seinen Wurzeln in England lernen, lustig zu sein. Nur fehlen ihm die «funny bones» – im Gegensatz zu seinem britischen Halbbruder, dem tragischen Antihelden Jack (vom genialen Lee Evans verkörpert), der mit seinen skurrilen und absurden Slapstick-Nummern das Publikum zum Brüllen bringt. Regisseur Peter Chelsom, selbst aus Blackpool, zeigt auf wunderbare Art, dass wahrhaftige Komik stets aus einer gewissen Tragik, einer Krise, einem (Überlebens-)Kampf oder einer Situation der Gefahr oder des Scheiterns entspringt. In FUNNY BONES bringen Jack Parker und seine Sippe nur deshalb das Publikum derart zum Lachen, weil sich hinter ihren erbärmlichen Gesichtern eine schmerzhafte (Familien-)Geschichte verbirgt. Der in Amerika aufgewachsene Tommy hat hingegen mit seinen einstudierten und gekauften Nummern keinen Erfolg. He is not funny, ihm fehlt der wahrhafte Humor … bis er die Tragik hinter seiner eigenen Herkunft anerkennt.

Die Anschuldigung der Humorlosigkeit gilt in Grossbritannien als eine der abfälligsten Verunglimpfungen überhaupt, wie der Autor Alan Patrick Herbert, unter anderem Kolumnist für das Satire-Magazin «Punch», einst bemerkte. In der Tat gilt Humorlosigkeit nicht nur als schwerwiegendes geistiges Manko. Das Defizit weist auch auf ein Unvermögen hin, mit den Herausforderungen des Alltags fertigzuwerden, denn «a sense of humour» wird bei den Angelsachsen als Strategie der Lebensbewältigung aufs Höchste zelebriert. Ihr Sinn für Humor ist bekanntermassen aber alles andere als harmlos. Im Gegensatz etwa zu Richard Curtis’ braven, aber kommerziell äusserst erfolgreichen Hugh-Grant-Vehikeln, in denen der Brite als manierierter, verstockter und leicht in Verlegenheit zu bringender «Gent» der Upperclass dargestellt wird (wie FOUR WEDDINGS AND A FUNERAL, NOTTING HILL, LOVE ACTUALLY etc.), zeigen die Antihelden in vielen britischen Produktionen eine dunklere, widersprüchlichere und komplexere Version der Britinnen und Briten. So sind nicht nur die Figuren und ihre Geschichten, sondern auch ihr Humor dementsprechend um einiges radikaler, oft bizarr, makaber, aggressiv, grotesk, respektlos, brutal, anarchisch und gern exzentrisch.

Exzentrik, das heisst subversiver Nonkonformismus und von gesellschaftlichen Konventionen abweichendes Verhalten, gilt im Vereinigten Königreich kaum als Gefährdung der sozialen Ordnung oder gar als geistige Verwirrung, sondern wird als regelrechtes Geburtsrecht des Individuums angesehen. Obschon der Grossteil der Exzentriker ursprünglich aus der begüterten Oberschicht entstammt und etwa der ebenso extravagante wie exaltierte Dandy Withnail (Richard E. Grant) in WITHNAIL & I aus einer wohlhabenden Familie kommt, eine der Eliteschulen Eton oder Harrow besuchte und sich Onkel Monty nicht zufällig als «Oxford-Man» brüstet, entfaltet sich Exzentrik weit über alle britischen Gesellschaftsschichten hinweg. So findet sie etwa in Michael Winterbottoms 24 HOUR PARTY PEOPLE nicht nur im Porträt der diversen kapriziösen Punk-, Rock- und Pop-Grössen der Siebziger-, Achtziger- und Neunzigerjahre, die sich alle im gleichen Ballungszentrum in Manchester einfanden, ihren eigentümlichen Ausdruck, sondern vor allem auch in der Figur des Tony Wilson (Steve Coogan), des legendä­ren Musik-Fernsehmoderators, Nachtklubbetreibers, Musikermanagers (Sex Pistols, Joy Division, New Order) und Plattenlabel-Bosses. Wilson stellt selbst in komplett verfahrenen Notsituationen eine charakteristische (selbst-)ironische Gelassenheit zur Schau. Sein schwarzer Humor und sein Beharren, selbst noch dem vollkommenen Desaster eine unterhaltsame Facette abzugewinnen, konnten zwar nicht verhindern, dass sein Klub Konkurs ging und dem Plattenlabel ein Verlustgeschäft drohte, doch er konnte zumindest sein Gemüt schonen und seinen Seelenschaden begrenzen. Humor ist demnach auch eine bestimmte Haltung zu sich und gegenüber den (oft durchaus widrigen) Lebensverhältnissen: eine Mischung aus Ironie und einer über den Dingen stehenden Resignation. Er hilft, Überlegenheit in Situationen zu gewinnen, denen man ausgeliefert ist und in denen man sich ohnmächtig fühlt. Im Grunde ist er ein gewitzter Schachzug heraus aus der Verzweiflung.

Der elende Sarkasmus in NAKED ist niederschmetternd und schonungslos, aber selbst in Mike Leighs kontroversestem und abgründigstem Film geht es auch um die fantasie- und humorvolle Konstruktion von Diskrepanzen durch Übertreibung und absurde Verzerrung. NAKED ist weniger eine naturalistische Abhandlung über das harsche Leben der Working-Class beziehungsweise der Underdogs und der sozialen «Misfits». In der bizarren Figur des sadistischen und sexbesessenen Landlords Jeremy oder in der Darstellung der hysterischen Vermieterin Sandra benutzt Leigh überzeichnete Charakter und Stereotypen. Er legt so seinen drastischen und brutalen Abriss zu Grossbritannien in der Schlussrunde von Thatchers Regierungszeit dar (kurz nachdem Leighs Film produziert wurde, erklärte die Eiserne Lady ihren Rücktritt). Hier findet die groteske Unterseite des «merry England» ihren Ausdruck: eine Welt, in welcher der Hauptfigur Johnny offenbar wenig bleibt ausser seinem kranken und deprimierenden Sarkasmus. Doch in Johnny wohnt auch ein respektloser und rebellischer Geist, der sich gegen Autoritäten, Institutionen und die Zwänge einer hierarchischen Klassengesellschaft auflehnt. Und seine Exzentrik, sein (Wort-)Witz sowie sein hämischer und boshafter Humor werden zu seiner intellektuellen Klinge. Die Bewältigung selbst existenzieller Lebenskrisen ist möglich durch den Rückgriff auf Überzeichnung und Entstellung. Dieser stilistischen Mittel bedient sich etwa auch Danny Boyle in TRAINSPOTTING – man denke nur an die Karikaturen Begbie oder Spud, an die absurde Szene in der legendären «worst toilet in Scotland» oder an Rentons (Ewan McGregor) kalten Entzug. Diese Filmfiguren zeugen von einer Standhaftigkeit, selbst noch der schlimmsten Notlage eine leichte Seite abzugewinnen und sich somit nicht (ganz) unterkriegen zu lassen. Der Humor wirkt als kleiner Triumph gegenüber der höheren Gewalt, ein Instrument, trotz allem dem Schicksal die Stirn zu bieten.

Vielleicht ist es deshalb gar nicht so erstaunlich, dass der so oft beschworene britische Humor, der aus einer Notlage, einer Misere oder aus einem Desaster entspringt, in einer anderen «typisch» britischen Filmform auftaucht: dem Sozialdrama. Obschon sich die Protagonisten bei Mike Leigh, Ken Loach, Andrea Arnold, Shane Meadow oder Lynne Ramsay meist in einer (sozialen) Sackgasse befinden, werden ihr Ideenreichtum und ihre Gewitztheit, trotz allem mit der gegebenen Situation umzugehen, bekräftigt. Dementsprechend gibt es gerade in den britischen Sozialdramen auch viel zu lachen. Denn statt des tragischen Scheiterns bietet der Humor diesen Antihelden eine Handlungsoption, einen kleinen (verbalen) Sieg. Auch besticht er nicht zuletzt als ein wichtiges Organ, um Aggressionen abzubauen. So belustigt Larry, der Gewerkschaftsmann aus Ken Loachs RIFF-RAFF, mit seinen Tiraden gegen die Thatcher-Regierung seine Working-Class-Lads (und das Publikum). Die Komik ist hier aber mehr als Strategie zur individuellen Lebensbewältigung. Sie funktioniert zudem auch als «soziales Schmiermittel» (Hans-Dietrich Gelfert) innerhalb der Gruppe der Arbeiter und über die Klassengrenzen hinweg.

Überdies wirkt der Humor offensichtlich auch als Methode, mit realen Ängsten umzugehen, ob diese nun aktuell an die konstant ansteigende Arbeitslosenquote in Grossbritannien, an die Kürzungen im Bildungs- oder Gesundheitswesen oder gar an terroristische Anschläge geknüpft sind. Letzteren tritt Christopher Morris mit FOUR LIONS entgegen und bedient sich dabei einer sehr bissigen Auffassung von Komik. Er stellt vier Dschihadisten als unbeholfene Deppen, als regelrechte Witzfiguren dar. Trotz erschütterndem und tragischem Hintergrund – 2005 starben 56 Menschen bei Terroranschlägen in London – wurde die Filmsatire in England (im Gegensatz zu Deutschland etwa, wo sie eine Kontroverse entfachte) mit Wohlwollen aufgenommen, auch von britischen Muslimen. Dies mag nicht verwundern. Denn den Briten ist nichts zu heilig, um sich darüber lustig zu machen. Und so darf man hoffen, dass sie sich auch in Zukunft – und dies gerade in oder trotz den bevorstehenden prekären Zeiten – den Vorwurf der Humorlosigkeit tatsächlich kaum gefallen lassen müssen. Denn den Humor als britischen Gütestempel kann selbst ein noch so rigoroses Regierungsbudget nicht wegkürzen. (Anna-Katharina Straumann)

 

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