KINO XENIX

Sponsoren


 

Ewan McGregor

Im Land des Lächelns und der Fallstricke

«Trade mark: mischievous smile» vermerkt die allwissende Internet Movie Database in der Biografie-Sektion für Ewan McGregor. Markenzeichen: ein Lächeln – wohlgemerkt ein boshaftes, schadenfrohes, schelmisches, spitzbübisches, verschmitztes; dies die möglichen Übersetzungen für «mischievous». Also ein Lächeln, das mit Vorsicht zu geniessen ist. Aber ein Lächeln immerhin. Und es hat durchaus seine Berechtigung, dass die IMDb es zum Erkennungszeichen adelt. Denn Ewan McGregors Lächeln ist ein besonderes. Wenn er lächelt, geht die Sonne auf. Ist so. Ganz einfach. Aber dass die Sonne aufgeht, heisst ja noch lange nicht, dass es auch ein schöner Tag werden wird. Denn wenn ein Schelm respektive ein Spitzbube lächelt, dann führt er möglicherweise etwas im Schilde, heimlich, hinterrücks, und lächelt nur, um das Gegenüber in Sicherheit zu wiegen. Um dann …

Da kann es einen trösten, dass sich zutiefst sinistre Bösewichte in Ewan McGregors Filmografie so gut wie nicht finden. Er mag das Lächeln eines Mannes anknipsen können, der es faustdick hinter den Ohren hat, aber er setzt es nicht ein, um sodann umso ungestörter Unheil anzurichten. Dieses Von-innen-heraus-das-Aussen-erstrahlen-lassen-Können ist vielmehr ein von der Natur geschenktes, schauspielerisches Mittel beträchtlichen Potenzials. Es bietet McGregors Figuren eine glorios simple Möglichkeit der Kontaktaufnahme mit der Welt, den anderen Menschen, den Frauen. Es ist das Äquivalent einer weissen Fahne, Waffenstillstandsangebot, Friedenssignal. Und es zeigt das Zulassen von Gefühl, zeigt ein offenes Herz. Wer könnte widerstehen?

Ewan McGregor ist ein verliebter Bläser in Mark Hermans BRASSED OFF, ein verliebter armer Poet in Baz Luhrmanns MOULIN ROUGE, ein verliebter Grafikdesigner in Mike Mills’ BEGINNERS und ein verliebter Koch in David Mackenzies PERFECT SENSE. In Todd Haynes’ VELVET GOLDMINE liebt er den Glamrock-Star Brian Slade, in I LOVE YOU PHILLIP MORRIS von Glenn Ficarra und John Requa liebt er den Betrüger Steven Russell, er liebt das Heroin in Danny Boyles TRAINSPOTTING und das Lügen in Tim Burtons BIG FISH. Er hat eine Affäre mit der Frau seines Kapitäns in David Mackenzies YOUNG ADAM und er hat eine mit der Frau seines Auftraggebers in Roman Polanskis THE GHOST WRITER. Er hat in seinen Filmen ziemlich häufig Sex mit ziemlich schönen Frauen, küsst in ihnen nicht selten Männer und behauptet, nackt vor der Kamera zu stehen, sei eine Bedingung seiner Verträge. Er ist im besten Sinne schamlos und im schönsten Sinne sexy. Und er ist seit 1995 mit der französischen Produktionsdesignerin Eve Mavrakis verheiratet, mit der er drei Kinder hat.

Geboren wurde Ewan Gordon McGregor am 31. März 1971 in Crieff, Perthshire, Schottland. Die Schule brach er zugunsten einer Schauspielausbildung ab, die er gleichfalls abbrach, als ihm Arbeit in der TV-Serie LIPSTICK ON YOUR COLLAR angeboten wurde. Seine erste ernst zu nehmende Rolle in einem Kinospielfilm übernahm McGregor 1994 in Danny Boyles SHALLOW GRAVE, 1996 gelang ihm der Durchbruch in dem kontrovers diskutierten Drogendrama TRAINSPOTTING, erneut unter der Regie von Boyle. Noch im selben Jahr folgte eine beeindruckende Darbietung seiner Liebhaber-Qualitäten in Peter Greenaways THE PILLOW BOOK, eine Stippvisite im Kostümfilm-Genre in Douglas McGraths Jane-Austen-Verfilmung EMMA sowie eine Kostprobe seines gleichfalls nicht unbeträchtlichen musikalischen Talents in BRASSED OFF.

Von Hollywood und seinen Blockbustern hielt McGregor sich in der Folge eher fern, spielte stattdessen in kleineren und Independent-Produktionen wie NIGHTWATCH, Ole Bornedals Remake seines eigenen Horrorfilms NATTEVAGTEN, in dem Historiendrama THE SERPENT'S KISS, der einzigen Regiearbeit des Kameramanns Philippe Rousselot, oder in LITTLE VOICE, einem weiteren Musikfilm Mark Hermans. Dann aber wurde ihm die Rolle des jungen Obi-Wan Kenobi in George Lucas’ STAR WARS-Prequels angeboten. Nicht nur konnte McGregor auf diese Weise in die Fussstapfen des grossen Alec Guinness treten, er durfte auch mit einem Lichtschwert rummachen. Ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte. Freilich wurde bei der Gelegenheit auch deutlich, dass ein Talent wie das seinige vor der Blue Screen und inmitten von technischen Gimmicks und Leuten in Monsteranzügen schlicht verschwendet ist.

Ewan McGregor ist kein schauspielerischer Grobmotoriker, kein Holzhammer-Mime, der für die Galerie spielt. Als Charge ist er ungeeignet. Er ist ein Feinarbeiter, einer, der sich die Ausdrucksmöglichkeiten gönnt, die Nuancen und Details bieten. Ein Ziselierer, der sanft und behutsam die Facetten seiner Charaktere entstehen lässt, der Schichten aufbaut, Figuren Komplexität verleiht und sie am Ende auch nicht abrundet, auflöst oder erklärt. Ja, er mag auf den ersten Blick schamlos und sexy und wie der feuchte Männertraum der Frauen wirken. Und bestimmt hätte er auch eine schöne Karriere als maximal zweidimensionaler Held in romantischen Komödien machen können.

Aber Ewan McGregor ist sehr viel besser und bei sich selbst, wenn er jemanden spielt, der schwierig ist, sensibel und leicht zu verletzen, ein existenziell Getriebener eher denn ein romantisch Liebender. Figuren wie den beziehungsscheuen Oliver in BEGINNERS, der nach dem Tod seines Vaters einer tollen Frau und damit einer schwierigen Liebe und seiner eigenen Einsamkeit begegnet. Oder den sorgenvollen Psychiater Sam Foster in STAY, der versucht, einen jungen Patienten vom Selbstmord abzuhalten, und der dabei, in Hochwasserhosen und zunehmend verwirrt, in einen Irrgarten der Seelenzustände gerät, den Marc Forster wie Piranesis «Carceri» in Szene setzt. Oder den verträumten Fischereiexperten Alfred Jones in Lasse Hallströms SALMON FISHING IN THE YEMEN, den eine scheinbar absurde Aufgabe gerade noch rechtzeitig aus der Beinahe-Versteinerung freiklopft und ihm damit das grosse Glück schenkt. Oder Joe, gerade Joe, den stillen, von einer schrecklichen Schuld geplagten Schriftsteller in YOUNG ADAM, dem sich zwar eine Frau nach der anderen in den Weg legt, dessen quälend diffuse Sehnsucht in reiner Körperlichkeit aber auch nicht gestillt wird. Es sind dies Figuren, in denen sichtbar und physisch konkret wird, worum es im Grunde eigentlich immer geht: Empathie; Kontakt herstellen zum Anderen, sich einlassen auf das Gegenüber, allen Bedenken und Befürchtungen zum Trotz. In jedem Moment bewusst in der Welt sein und dem Leben den Respekt erweisen, der darin liegt, es zu geniessen. Das heisst auch: etwas geschehen lassen können.

Diese Offenheit für die Freude an der Existenz, die ohne Risikobereitschaft ja nicht zu haben ist, findet ihren Widerhall auch jenseits der Leinwand – in den zwei grossen Motorradtouren, die McGregor gemeinsam mit seinem Freund und Schauspielkollegen Charley Boorman unternommen hat: 2004 fuhren die beiden von London aus quer durch Europa, Russland, Kasachstan, die Mongolei, Alaska, Kanada und die USA nach New York, und 2007 ging die Reise von John o’Groats an der Nordostspitze Schottlands nach Kapstadt in Südafrika. Dokumentiert wurden die Abenteuer in den Fernsehserien LONG WAY ROUND und LONG WAY DOWN.

Einer, der die Gefahr scheut, seine Ruhe haben will und sich selbst genug ist, fährt keine Zehntausende von Kilometern durch entlegene, fremde Gegenden. Dergleichen unternimmt nur einer, der neugierig ist und wissbegierig und bestimmt auch ein wenig waghalsig und verwegen. Ewan McGregor eben. (Alexandra Seitz)

nach oben