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INDOOR: Diesseits der heilen Welt – Filme aus der und über die Schweiz

Diskurs in die Enge hinein und aus ihr hinaus

Wie lebt man in der Schweiz? Welche Rolle spielen hier Geld, Kühe, Berge wirklich?
Und was ist mit Familie, Liebe – Sex? Das Xenix-Sommerprogramm ermöglicht einen thematischen und stilistischen Streifzug hinter heile Kulissen, in abgeschottete Räume, verborgene Zusammenhänge, unerwartete Entwicklungen. Gut gehütete Geheimnisse werden aufgedeckt, helvetisches Selbstverständnis und traditionelle Werte kritisch befragt – und der Durchschnittlichkeit der Puls gemessen. Die Tour d’Horizon der letzten fünfzehn Jahre Filmschaffen erkundet intime, emotionale, politische Topografien der Schweiz und führt verschiedenste Möglichkeiten des filmischen Erzählens aus ganz unterschiedlichen Perspektiven vor. Peter Liechti wählt den inneren Monolog, wenn er sich in
HANS IM GLÜCK aufmacht, um das Rauchen aufzugeben. Von Zürich bricht er zu Fuss in die Ostschweiz auf, davor wird die letzte Zigarette geraucht – doch zweimal scheitert das Vorhaben. Eine Abrechnung mit persönlichen Schwächen ist dieser Film, aber auch eine selbstironische, dann melancholisch stimmende Beschauung der Schweiz mit ihren öden Agglomerationslandschaften und seltsamen Gepflogenheiten: ein Diskurs in die Enge hinein und aus ihr hinaus. Thomas Imbachs Kamera wiederum bleibt in DAY IS DONE am selben Ort, während sich die Szenerie verändert, die vom Fenster seines Ateliers im Westen Zürichs aus zu sehen ist. Nachrichten auf dem Telefonbeantworter lassen die Umrisse des Lebens eines Mannes entstehen: ein Porträt eines Beobachtenden, den wir unsererseits beobachten.

Während sich solche raffinierte psychologische Schnitzeljagden zu kompromisslosen Selbstbefragungen und Innensichten vertiefen, gehen andere Filme der Frage nach, wie das in der reichen Schweiz gehütete Geld eigentlich generiert wird, was das global gesehen und für die Gesellschaft in der Schweiz bedeutet – und wie das Geld gehortet oder wieder ausgegeben wird. Der Dokumentarfilm GAMBIT von Sabine Gisiger rekonstruiert die Ereignisse um die Giftkatastrophe von Seveso in den Siebzigerjahren und zeigt die heillosen Verstrickungen der Schweiz mit international agierenden, rücksichtslosen Konzernen. Von des Schweizers Verhältnis zu Geld erzählt Dieter Gränichers DER DUFT DES GELDES: eine neugierige Spurensuche zwischen Börsenzahlen, Luxusartikeln, Jachten, aber auch dem Fürsorgeamt – und der Frage nach dem wahren Glück. Dass Geld indes, wenn man es plötzlich nicht mehr hat, sehr unglücklich machen kann, führt Stina Werenfels’ Spielfilm NACHBEBEN vor. Die implodierende Existenz eines Investment-Bankers und seiner Familie wird hier gnadenlos seziert – und gespiegelt in den heimlichen Gesprächen und Szenen, die das Kind des Bankers mit der Videokamera registriert. Einheit von Zeit, Raum und Handlung verdichten sich zu einem intensiven Kammerspiel. Das Kunstmittel Film im Film setzt auch Lionel Baier in GARÇON STUPIDE ein. Hier tritt der Filmemacher als der Interviewer eines jungen Mannes auf, der via Internet schnellen Sex sucht; in dieser raffinierten «mise en abîme» wird nicht zuletzt auch das seltsame Objekt des Begehrens, auf das die Kamera jedes Filmenden gerichtet wird, zum metafiktionalen Thema des Films selbst. Inwiefern das Dokumentarische immer Inszenierung ist, reflektiert auch Béatrice Bakhtis ROMANS D'ADOS: Die Filmemacherin begleitet darin junge Menschen über mehrere Jahre und befragt sie nach ihren Wünschen, Ängsten, Zukunftsvisionen – und lässt die Porträtierten auch sich selbst filmen. Gabrielle Antosiewicz’ MATCHMAKER ist indes erklärtes Selbstexperiment: Der jüdische – oder auch nicht jüdische – Mann, der mit ihr Challe zu backen weiss, soll der Richtige sein.

Was es bedeutet, erwachsen zu werden, Schmetterlinge im Bauch und meist Streit mit den Eltern zu haben, oder aber unerwartet von der Liebe – in welchem Alter auch immer – eingefangen zu werden, davon erzählen Anna Luifs LITTLE GIRL BLUE, Güzin Kars FLIEGENDE FISCHE, Peter Luisis DER SANDMANN, Romed Wyders PAS DE CAFÉ, PAS DE TÉLÉ, PAS DE SEXE, UTOPIA BLUES von Stefan Haupt sowie auch Veronika Minders KATZENBALL und AU SUD DES NUAGES von Jean-François Amiguet. Kaum mehr kontrollierbare, heftige Gefühle krempeln hier das Leben um. In DER SANDMANN beginnt ein Mann eines Tages, Sand zu rieseln – und dieses unerklärliche Phänomen zwingt ihn, sich seinen Gefühlen zu stellen. Wenn Emotionen aber in manische Ausbrüche umschlagen wie in UTOPIA BLUES, kann es bedrohlich werden. Da geht es in LITTLE GIRL BLUE und FLIEGENDE FISCHE etwas ruhiger zu, wenn auch nicht ohne Turbulenzen; hier wird die Liebe in der Tristesse von Mittelland-Agglo beziehungsweise in einem Kaff an der Grenze zu Deutschland gelebt. Auch Romed Wyder lässt die Liebe unverhofft aufblühen, in Genfer Hausbesetzer-Kreisen – wobei er nebenbei die Kehrseite jenes Geldüberflusses, der Wohnungsnot und zu teure Mieten erzeugt, ins Licht rückt. Der Film lotet die Möglichkeiten einer Dreiecksbeziehung aus, das Karussell von Verlangen-Verzichten-Begehren. (Fast) Alles über lesbische Beziehungen erfährt man dann in Veronika Minders KATZENBALL, in dem sie der Geschichte von Lesben in der Schweiz nachspürt.

Unbekanntes Terrain bereisen die Schweizer Älpler in AU SUD DES NUAGES – sie brechen eines Tages nach China auf. Einer bleibt unterwegs hängen, eben: die Liebe. Aber Kuhkämpfe gibt es auch im Fernen Osten, das verbindet Bauernmänner quer über den Erdball. Ebenso verhält es sich mit der Musik, die in Stefan Schwieterts HEIMATKLÄNGE– entstanden noch vor dem Heimat-Berg-Boom im Schweizer Film – kaum Grenzen zwischen den von tuvinischen Nomaden und helvetischen Jodlern erzeugten Klängen kennt. Trotzdem schottet sich die Schweiz immer mehr ab, wie LA FORTERESSE von Fernand Melgar, DAS FRÄULEIN von Andrea Štaka und HOME von Ursula Meier zeigen: in einer investigativen Recherche über die Zustände in einem Asylzentrum, in der Geschichte einer jungen Frau aus dem Balkan, der in der Schweiz Kälte entgegenschlägt, und, als Allegorie, in der Erzählung über eine Familie, die sich angesichts des «Verkehrs» aus der weiten Welt in ihrem Häuschen einbunkert. Und darin beinahe erstickt. (Bettina Spoerri)

 

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