Natalie Portman Acting Is Not Enough
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Die Entwaffnende
Als Natalie Portman noch Natalie Hershlag hiess und erst zwei Sprachen fliessend beherrschte, nämlich Englisch und Hebräisch, als sie eine normale jüdische Schule auf Long Island besuchte und normale Freunde und keine Probleme mit Paparazzi hatte, da war der Höhepunkt ihres Lebens, wenn sie in der Schule gefragt wurde, was der Beruf ihres Vaters sei. «Er hilft Frauen, schwanger zu werden», sagte sie dann zur allgemeinen Verblüffung und umschrieb so doch am besten, was ihr Arzt-Vater, ein sogenannter «Fruchtbarkeitsspezialist», den ganzen Tag lang so tat. Es ist anzunehmen, dass auch ihr liebstes Fluchwort von ihm stammt, es heisst, aus dem Hebräischen übersetzt, «Vagina deiner Mutter». Wenn sie es in familienfreundlichen amerikanischen Talkshows zum Besten gibt, könnte sie sich jedes Mal totlachen. Und als sie letztes Jahr von ihrem Kollegen Jake Gyllenhaal gefragt wurde, welche Musik und welche Songzeile ihre Verfassung am besten beschreibe, da antwortete sie mit «richtig, richtig obszöner Hip-Hop» und «Wart, bis du meinen Schwanz siehst
».
Es liegt so gar keine Scheu in der zarten und viel zu schönen Natalie Portman, die bis zu ihrem dritten Jahr mit ihrem israelischen Vater und ihrer amerikanischen Mutter in Jerusalem lebte. Auch nicht, wenn es um ihre politische Positionierung geht. Die Frage, ob sie eine neue junge Feministin sei, beantwortete sie geradewegs mit: «Ja, auch wenn das ein Schimpfwort ist.» Sie sagte das übrigens nicht alleine, sondern gleich im Doppelpack mit Scarlett Johansson, als die beiden Ikonen auf der Promotour für THE OTHER BOLEYN GIRL (2008) waren. Besseren Nachwuchs konnte sich der Feminismus nicht erträumen. Sie unterstützte die Präsidentschaftskampagnen von John Kerry und von Hillary Clinton. Ihr aktivstes Engagement ist jedoch die Förderung von Mikrokrediten für Frauen, die in armen Ländern Kleinunternehmen aufbauen. Im Herbst 2007 hielt sie dazu Vorträge an den sechs wichtigsten Universitäten der USA. Schon immer war Natalie Portman Vegetarierin, seit 2009 ist sie Veganerin, Tierschutz ist ihr ebenfalls sehr wichtig.
Sie hat einen Harvard-Abschluss in Psychologie, ein Studium, für das sie sich irgendwie nach ihren Auftritten als Queen Amidala in den beiden «Star Wars»-Welthits von 1999 und 2002 heroisch die Zeit zusammenkratzte und das sie 2003 mit einem Bachelor abschloss. Frisch diplomiert, stürzte sie sich sofort in die Dreharbeiten zu GARDEN STATE und CLOSER und investierte dabei so viel in ihr Spiel wie noch nie zuvor: Mit ihrer Rolle als rätselhaft-rührende, strippende Betrügerin in CLOSER gewann sie einen «Golden Globe» und ihre erste «Oscar»-Nomination. 2008 war sie das jüngste Jurymitglied am Filmfestival in Cannes, das mit ihrem Regiedebüt, dem Kurzfilm «Eve», eröffnet wurde. Und nebenbei hat sie auch noch irgendwann Deutsch, Französisch, Japanisch und Arabisch gelernt. Sie hat bis heute bereits in über dreissig Kinofilmen mitgespielt, zwei Kurzfilme gedreht und arbeitet zum dritten Mal als Produzentin für «Pride and Prejudice and Zombies», ein kühnes Kinoexperiment, das Zombies in Jane Austens pastellfarbige Welt eindringen lässt. Es könnte ein grosses Vergnügen werden. Und das Unglaublichste: Natalie Portman ist erst 28.
Aber Natalie Portman, das einst so ehrgeizige Kind namens Natalie Hershlag, das ab vier Jahren tanzte und Theater spielte, ist schon seit sechzehn Jahren im Filmgeschäft. Sie könnte schon seit siebzehn Jahren in einem ganz andern Geschäft sein: Mit elf wurde sie nämlich in einer Pizzeria auf Long Island von einem Model-Scout der Kosmetikfirma Revlon angesprochen, ob sie nicht modeln wolle. Denn dass sie aussergewöhnlich schön war, das sah der grosse Markt der Illusionen und Projektionen schon damals. Sie sagte Nein, denn sie wollte spielen. Und sie behielt recht. Im ersten Casting ihres Lebens, an dem sie abgesehen von kleinen Auftritten in Werbefilmen teilnahm, setzte sie sich dann ein Jahr später gleich gegen 2000 Konkurrentinnen durch und schnappte sich eine richtig grosse Rolle: die der zwölfjährigen Mathilda in LÉON von Luc Besson, die sich nach der Ausrottung ihrer ganzen Familie in New York dem Profikiller Léon lolitahaft an den Hals wirft und mit eisiger Entschlossenheit das Handwerk des Tötens von ihm lernt. «I want love or death. Thats it», ist Mathildas Leitmotiv. Was für ein Entrée. Natalie Portman sie hatte sich den Familiennamen ihrer amerikanischen Grossmutter, einer vitalen Lebedame, zum Künstlernamen gemacht war da. Und sie war sofort unübersehbar.
Das Image der jungen Beauty, die weit schlauer und schlagfertiger (durchaus auch im physischen Sinn) ist, als man ihr das zutrauen würde, ist seither an Natalie Portman hängen geblieben, und es ist in ihrem Fall nicht das schlechteste. Weil sie mit dem Klischee spielt, es oft genüsslich ausreizt, ihm aber nie erliegt. Sei es als dreizehnjährige «Nachbarschafts-Lolita» Marty im rührenden Vorstadt-Independent-Film BEAUTIFUL GIRLS. Sei es in der Comic-Verfilmung V FOR VENDETTA, einer grellen Persiflage auf Nazideutschland, wo sie sich als Evey aus einem lockigen Püppchen zu einer kahl geschorenen Kampfmaschine entwickelt. Oder als verträumt-exaltierte Kleinstadt-Epileptikerin Sam mit dem riesigen Haustierfriedhof im hinreissenden GARDEN STATE. Und selbstverständlich als blutjunge Anne Boleyn in THE OTHER BOLEYN GIRL, die an Henry VIII verschachert wird, sich zur halsstarrigen Hofintrigantin entwickelt und schliesslich ihren Kopf auf dem Schafott verliert. Und natürlich in CLOSER: Als Jude Law die junge Frau, der er gleich zu Beginn dieses grossartigen Films über den menschlichen Trieb zur Lüge das Leben rettet, beschreiben soll, nennt er sie «disarming». Entwaffnend.
Entwaffnend, das ist wahrscheinlich die Essenz des Spiels der Natalie Portman. Entwaffnend, obwohl sie nie allzu viel dafür zeigt. Noch immer gibt es beispielsweise keine explizite Sex- oder Nacktszene mit ihr. Nicht einmal in CLOSER, wo das Nacktsein ihr Beruf ist. Sie mag das einfach nicht. Und gilt trotzdem als Sexsymbol. Das ist doch eine kleine Kunst. Entwaffnend, nur durch ihr Gesicht, ihr Strahlen, ihre ungeschminkte Unschuldigkeit, ihr unfassbares Lachen. Entwaffnend auch immer wieder durch ihr markerschütterndes Weinen. Etwa in FREE ZONE, den sie mit einem mehrminütigen Schluchzen eröffnet, bevor sie sich auf eine Taxifahrt von Jerusalem in die «freie Zone» an der Grenze von Saudi-Arabien, Irak und Jordanien mitnehmen lässt. Unterwegs trifft sie überall auf die Schrecken des palästinensisch-israelischen Konflikts. Das grosse Weinen der Natalie Portman als Flehen um einen Waffenstillstand.
«Wenn ich eines Tages zu hässlich bin für Hollywood, gehe ich vielleicht in die Politik», drohte sie, als sie einmal in einem Interview wieder auf ihre Schönheit angesprochen wurde. Man kann sich das mit der schwindenden Schönheit der Natalie Portman zwar gar nicht vorstellen, aber es wäre dennoch eine Drohung, die ganz gewiss das Wahrwerden wert wäre. Und ihr Schwanz, der ist ganz gewiss sehr, sehr gross
(Simone Meier)