OPEN AIR: Shake! – Musikfilme zum 30. Geburtstag
   

OPEN AIR: Shake! – Musikfilme zum 30. Geburtstag
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The Sound of Music

Als Pop und Kino in den Fünfzigern aufeinandertrafen, lud sich der Film auf mit Hitze und Energie. Doch auch die Popmusik brauchte das bewegte Bild, um zu zünden: «Blackboard Jungle» von Richard Brooks machte 1955 den Rock ’n’ Roll zum Soundtrack der Schulrebellion, zwei Jahre später schwang Elvis seine Hüften im Jailhouse. Und spätestens seit «Woodstock – 3 Days of Peace & Music» muss man nicht mehr einem Konzert beigewohnt haben, um dabei gewesen zu sein.

Das gilt auch für JIMI PLAYS MONTEREY / SHAKE! – OTIS AT MONTEREY von D. A. Pennebaker. Die zwei Kurzfilme dokumentieren die Auftritte von Jimi Hendrix und Otis Redding am Monterey Pop Festival 1967, dem ersten grossen Open Air der Flower-Power-Bewegung. Es sind energiegeladene Darbietungen: Der eine steht in Flammen, der andere unter Strom. Je nach Licht brennt der orange, gelb und rot gekleidete Hendrix fast vor dem schwarzen Bühnenhintergrund, und als der Gitarrist zu «Wild Thing» seine Stratocaster abfackelt, endet das Konzert als heidnischer Gottesdienst mit Opfergabe. Bei Otis Redding ist Weiss die zentrale Farbe. Immer wieder ist der Soulsänger von hinten im Gegenlicht zu sehen, hell umrandet, elektrisch aufgeladen, einmal verschwindet er sogar komplett im gleissenden Schein. Kamera und Schnitt unterstützen das Gefühl der (religiös aufgeladenen) Ekstase. Beide Musiker werden in stetem Wechsel von mehreren Kameras aus unterschiedlichen Blickwinkeln eingefangen, umkreist. Regelmässig sieht man die Performer von unten, immer wieder – ganz Konzertsituation – von vorn; gelegentlich scheinen sie auf als mystisch anmutende Silhouetten, oft rückt ihr Gesicht nah in den Fokus. Es gibt kein Entrinnen – Ton und Bild tanzen Rock ’n’ Roll, die Musik nimmt uns in Besitz.

So wie Popmusik auf der Bühne und auf den Tanzflächen dem Exzess frönt, unterstützt sie auch im Kino eine exzessive Form der Wahrnehmung – in der dokumentarischen wie der fiktionalen Inszenierung. Da sind die Stars und ihre Images, die Farben, Gesten, Bewegungen, Rhythmen. Und da sind die persönlichen Assoziationen: Die Zuschauerin, der Zuschauer verbinden mit den Liedern eigene Bilder, Erfahrungen und Empfindungen; das lässt sie emotional Teil der Handlung werden. Filmmusik steht hier nicht mehr im Dienst einer alles erklärenden Erzählinstanz, sondern sie gibt den ZuseherInnen ein Gefühl des Eingebundenseins in einen Erzählraum, der sich jenseits der Leinwand zu entfalten beginnt. Musik bietet ein Erlebnis, das uns aus uns selbst herausholt. Sie erzeugt eine Gegenwart, die grösser ist als der Alltag.

Darin liegt die utopische Kraft vieler Musikfilme. Gelegentlich reden sie auch explizit davon, etwa in GIRLS! GIRLS! GIRLS!: Das Meerwasser plätschert, der Himmel ist blau und Elvis bereit, mit seiner «Kingfisher» (sic!) in See zu stechen. Wäre da nicht die erzürnte schöne Blondine an seiner Seite. «By my flaming heart, you’ll never leave me, would you?», hat diese am Abend zuvor im Nachtklub gesungen und dabei ihrem Herzbuben tief in die Augen geschaut. Bloss, der hats nicht so mit der Treue, und drum sagt die verlassene Blondine jetzt mit düsterer Miene: «Ich weiss, was mit uns ist, ich weiss aber auch, was mit uns sein könnte.»

Das, was ist, und das, was sein könnte – dieser Spannungszustand steht im Zentrum von manchem Musikfilm. Das Musical hat daraus ein filmisches Prinzip gemacht – jedes Problem der realen Welt wird in der imaginierten, in den Tanz- und Gesangsnummern, in sein Gegenteil verkehrt: Statt Mangel herrscht Überfluss, statt Erschöpfung Energie, statt Eintönigkeit Intensität. Und der einsame Mensch findet sich wieder als Teil einer Gemeinschaft. Alles und jeder braucht sein Gegenstück: Der wilde Rockerbube aus CRY-BABY, John Waters’ parodistischer Liebeserklärung an die Filme mit Elvis und James Dean, buhlt um das Herz der süssen Streberin, und wenn sie gemeinsam davon singen, wie sexy Tränen sind, dann sind die Kräfte des Entertainments und des Bürgertums versöhnt. In TRUE STORIES treten die EinwohnerInnen des texanischen Orts Virgil Seite an Seite mit David Byrne und seinen Talking Heads auf und performen deren Lied «Wild Wild Life»: Der Amateur wird zum Profi, der Profi stellt sich auf eine Stufe mit dem Amateur. Versöhnlich auch die Modeschau, die unter dem Motto «Shopping is a feeling» läuft und an der die EinwohnerInnen «urban camouflage» vorführen, Kleidung, die sie symbolisch unsichtbar macht und zugleich dezent ihr Übergewicht betont: Eine Familie erscheint in Rasenanzügen, eine Frau als dreistöckige Hochzeitstorte. «Dieser Traum ist deine Geschichte», singt dazu die wassergewellte Conférencière, «du bist dein eigener Traum-Operateur.»

Will der Musikfilm nicht mehr Musical sein, sondern von MusikerInnen und ihrer Musik erzählen, so ist oft genug nicht länger die Idee, wie viel schöner und aufregender die Welt sein könnte, Kern des Entertainment, vielmehr die Versicherung darüber, dass das Leben, so wie es ist, bunter, unterhaltsamer oder zumindest erträglicher sein kann, wenn man nur seine eigenen Ressourcen feiert. Das gilt für die Rapper in WILD STYLE ebenso wie die Soulster in THE COMMITMENTS oder die Country-Musikerinnen in COAL MINER'S DAUGHTER. Davon erzählt auch der Erweckungsmoment der Figur des Bluesers Muddy Waters in CADILLAC RECORDS: «Es ist, als ob ich mir zum ersten Mal begegnen würde», sagt er, als er sich erstmals auf Konserve hört; und weil er einen Mann traf, «der wusste, dass er [Muddy] zu gross war für eine Sklavenhütte auf der Plantage», packt er seine Siebensachen und macht sich den Bahngleisen entlang nordwärts, in die Stadt.

Musikfilme schicken Menschen auf die Reise und lassen sie träumen. Auch Jimmy Cliff als Reggaemusiker Ivan Martin kommt in THE HARDER THEY COME vom Land in die Stadt, um über die Musik den sozialen Aufstieg zu schaffen. Wie auch CADILLAC RECORDS, der das schwarze Musikerbe mythologisiert, indem heutige Stars wie Beyoncé oder Mos Def die gestrigen wie Etta James oder Chuck Berry verkörpern und das Alte also im Neuen weiterlebt, verbindet der Film sozialen Realismus mit einer Showbiz-Fantasie und berichtet dabei vom gleichermassen wirksamen Kunst- und Warencharakter schwarzer Musik. So wie der Film Konstruktion und Orientierung grösstenteils der Reggaemusik schuldet, so half er massgeblich, diese überhaupt weltweit zu popularisieren. Wenn die Musik in THE HARDER THEY COME die Bilder laufend kommentiert, deren Aussage verdoppelt oder mit zusätzlichem, auch mal kontradiktorischem Inhalt auflädt (das passiert in fast allen Musikfilmen), so wird über sie vor allem ein suggestiver, rhythmisierter Widerstreit von Ausschluss und Begehren etabliert. Dieses Spannungsfeld von Alltag und Utopie zeigt sich deutlich, als Cliff/Martin den Titelsong im Studio singt, mit Zwischenschnitten auf den Produzenten Mr. Hilton und seinen Toningenieur. Für sie, die mal teilnahmslos, mal zufrieden grinsend der Session beiwohnen, bedeutet die Selbstentäusserung des Sängers bloss eine weitere Einnahmequelle. (Wie Mr. Hilton einmal sagt: «I make hits, not the public.») Cliff/Martin dagegen ist eingemittet im Bild zu sehen, gewissermassen phallisch aufgerichtet, eine Qualität, die bereits den Songzeilen innewohnt. Diese Aufnahmen kontrastieren extrem mit den unmittelbar vorangehenden, die ohne Musik waren und Cliff/Martin im Moment seiner grössten Demütigung zeigen: Er wird öffentlich von einem Polizisten ausgepeitscht, zusammengekrümmt auf ein Fass gebunden, nackt, mit heruntergezogener Unterhose. Der Film spielt mit genau diesen Gegensätzen: Während Cliff/Martin mehrfach passiv und verletzlich gezeigt wird, wirkt er in anderen Szenen wie eine glamouröse Werbefigur. Die Reggae-Musik steht gleichermassen für die Sehnsucht wie für deren Realisierung, ist gleichermassen Zeichen für Ambition wie Attraktion. Wie sagt Cliff/Martin zu Elsa, die ihn der Träumerei bezichtigt: «Me, a dreamer? Who’s a bigger dreamer than you? All this talking about milk and honey in the sky. Well no milk and no honey in the sky, not for you, not for me. It’s right down here and I want mine now! Tonight!» Darauf geht er durch die Tür, es folgt ein Schnitt, und er steht in einer Dancehall und beobachtet zufrieden die Menge – sie tanzt zu seinem Stück.

In der Disco spielt auch eine der schönsten Szenen von ROCKERS, einem weiteren Reggae-Film. Dort tanzen «baldheads», gepflegte Afros tragende Jugendliche der Mittel- und Oberschicht, zu den neuesten aus den USA importierten Soulplatten. Bis der Dreadlock-Träger und Drummer Horsemouth – verkörpert vom Reggaemusiker Leroy Wallace – und sein Kollege Dirty Harry den Laden betreten und den Haus-DJ aus der Kabine schmeissen, um ihre Musik zu spielen. Reggae ist hier nicht nur inszeniert als eine etwas andere Definition von cool; über die Musik – wie über Kleidung und Frisur – findet ein ideologischer Kampf um die symbolische Ordnung und also Identität statt. Dazu passt, dass die Cameos von Reggaestars in diesem Film in die Legion gehen – und dass Horsemouth wie in den seligsten Zeiten Brecht’scher Agitprop-Ästhetik schon mal direkt in die Kamera spricht.

Von der Identitätsbildung via Musik berichtet auch Julien Temples Dokumentation JOE STRUMMER – THE FUTURE IS UNWRITTEN. Sie zeigt, wie aus dem Hippie ein Punk wird und mit was für menschlichen Opfern der Seitenwechsel verbunden ist. Zeigt, wie man an der Musik verbrennen kann, wenn sie plötzlich zu persönlich wird oder eine Sache von Leben und Tod. Oder wenn einer sein Talent zum Priester erkennt, dies aber nicht leben darf, weil er damit gegen seine Prinzipien verstösst. Nicht jede und jeder kann mit den Widersprüchen des Geschäfts gleich gut umgehen. Dass Musik gefährlich ist, wenn man ihre dunkle Seite nicht zu bändigen weiss, hat auch der von Adrien Brody verkörperte Labelboss Leonard Chess in CADILLAC RECORDS erkannt: «Muddy singt über seinen Schmerz, er spürt ihn nicht. Little Walter trägt ihn mit sich rum, hegt ihn wie ein Baby, füttert ihn mit Whiskey und Heroin.» Sterben tut Walter dann allerdings erst, als Chess ihm seinen Verstärker wegnimmt und ihn somit der Grundlage seiner musikalischen Identität beraubt.

Wenn Reibung und Hitze feste Bestandteile des Musikfilms sind, passt es auch, dass in ihnen oft unheimlich viel geraucht wird. Vermutlich, weil es sich mit dem Rauchen verhält wie mit der Musik. Individuelle Assoziationen und persönliche Geschichten gestalten den Gefühlsraum mit. Ohne Zigaretten gäbe es einige der bedeutenden Kunstwerke nicht, ist Joe Strummer denn auch überzeugt. Und: «Nichtraucher haben auf die Werke von Rauchern kein Recht.» Es spricht da einer, der überzeugt ist, dass Neues nur entstehen kann, wenn Altes abgefackelt wird. In diesem Sinn: More fire! (Reto Baumann)


Open-Air-Information:
Unsere Open-Air-Veranstaltungen finden vom 16. Juli bis zum 21. August jeweils mittwochs, freitags und samstags statt. Bei schlechter Witterung wird die Vorstellung in den Kinosaal verlegt. Verbindliche Auskunft über die Durchführung der Freiluftvorführungen geben ab 18.30 Uhr diese Webseite sowie unsere Open-Air-Hotline 044 242 04 11. Wer über SMS informiert werden möchte, sendet das Wort xenix an die Nummer 9889 (ohne Vorwahl) und wird automatisch mit unserem Wetter-Entscheid beliefert. Billette können problemlos ab 18.30 Uhr an unserer Abendkasse gelöst werden – es gibt keinen Vorverkauf und genügend Tickets für alle! (Eintrittspreise: Fr. 18.– / Mitglieder Fr. 13.–).
Wir wünschen beste Freiluft-Kinoerlebnisse auf dem Kanzleiareal und einen unvergesslichen Sommer 2010.

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