Neue Zürcher Zeitung, 4. August 2000
Anfang September feiert das Kino Xenix sein 20jähriges Bestehen. Das Off-Kino kann auf zwei turbulente und unruhige, aber im Endeffekt sehr erfolgreiche Jahrzehnte zurückblicken. Diesen Freitag findet auf dem Kanzleiareal das grosse Jubiläumsfest mit einem Open-Air-Konzert der 'Sugarbabies', einem Filmwettbewerb, einer Disco und weiteren Attraktionen statt.
'Das Xenix wird langsam richtig alt, und wir freuen uns, dass es immer noch existiert', meint Eric Staub von der Geschäftsleitung des Programm-Kinos. Dann aber blickt er sorgenvoll durch die Fenster der Kinobaracke in den strömenden Regen, denn nur die gut besuchten Open-Air-Filmvorführungen garantieren dem Betrieb trotz der Unterstützung des Präsidialdepartements eine finanziell abgesicherte Zukunft. Während im Sommer der Platz vor der Xenix-Baracke zu einem grossen Kino unter freiem Himmel verwandelt werden kann und die Besucher der Bar im Freien sitzen, ist der Kinosaal während der kalten Monate schnell ausverkauft, und die schmale Bar vermag nur eine kleine Menschengruppe zu fassen. Aus diesen Gründen wollen die Xenix-Betreiber expandieren. Wenn es die Eigentümerin des Kanzleiareals, die Stadt Zürich, erlaubt, möchten sie die Bar vergrössern und eventuell einen zweiten Kinosaal eröffnen.
Die Odyssee eines Kino
Insgesamt ist Eric Staub sehr zufrieden mit
den Entwicklungen der letzten Jahre. Ausschlaggebend für die Erfolgsgeschichte
war die Möglichkeit vor 16 Jahren, sesshaft zu werden und das Kino zu einem
nicht mehr wegzudenkenden Bestandteil im Kulturleben der Stadt Zürich und
imQuartierleben des Stadtkreises 4 werden zu lassen. Der feste Standort erlaubte
einen kontinuierlichen Aufbau des Kino- und Barbetriebs, eine bessere
Infrastruktur und technische Ausrüstung, das Xenia-Kino für Frauen, die
professionelle grafische Gestaltung der Programme und Plakate und seit 1990 den
Aufbau einer geregelten Entlöhnung der bis dahin freiwilligen
Mitarbeiter.
Von 1980 bis 1984, in den ersten vier Jahren seiner Existenz,
musste das Kino immer wieder umziehen. Diese Tatsache war eng mit den Umständen
seiner Entstehung verknüpft. 1980 gründete eine Gruppe von Jugendlichen im
Autonomen Jugendzentrum Zürich ein nicht-kommerzielles Kino. Die Beteiligten
arbeiteten alle gratis, und die Beschaffung der Filme gestaltete sich äusserst
schwierig. Die Auswahlmöglichkeiten wurden durch Kontingentbestimmungen und die
Tatsache eingeschränkt, dass nur ein 16mm-Projektor zur Verfügung stand. Unter
diesen Bedingungen zeigte das Kino seine ersten Retrospektiven, Super-8- und
Video-Produktionen. Durch die noch im selben Jahr erfolgte Schliessung des AJZ
wurde das Kino zum 'Mobilen AJZ-Kino'.
Erfolg auf dem Kanzleiareal
In den darauf folgenden Monaten mietete
sich das Kino ein: im Volkshaus, im Kasino Aussersihl und im Theater am
Neumarkt. Als 1981 das AJZ wieder geöffnet wurde, kehrte das Kino in die
früheren Räumlichkeiten zurück bis zur endgültigen Schliessung des
Jugendzentrums wenige Monate später. Mit einer bescheidenen Ausstattung startete
das Kino erneut in einem Ladenlokal am Tessinerplatz und wurde auf den Namen
Xenix getauft. Doch auch hier konnte man sich nicht fest einrichten. Ein Jahr
später begründete das Xenix gemeisam mit anderen kulturellen Veranstaltern das
'Houdini' im Kino Walche mit. Aber der Sexfilmproduzent und Vermieter der
Räumlichkeiten, Edi Stöckli, bemühte sich vergeblich um die Stadt als zweiten
Subventions- und Patronatsträger, und so musste sich das Xenix Anfang 1984
wieder nach einem neuen Standort umsehen.
Im Herbst durfte sich das Xenix
dann in der Kindergartenbaracke auf dem Kanzlei-Areal fest installieren und
überlebte auch die Volksabstimmungen von 1990 und 1991, während das
Quartierzentrum auf demselben Areal geschlossen wurde. Mittlerweile zeigt das
Kino jeden Tag mehrere Filme, und auch die Bar ist täglich geöffnet. Das Xenix
vermietet Filmtechnik und Räumlichkeiten, und seine informative Film-Datenbank
wird gerne von anderen Kinos in Anspruch genommen. Die Programmation durch Rosa
Maino und Esther Quetting berücksichtigt in erster Linie das junge, aktuelle
Filmschaffen. Viele junge Regisseure, unter ihnen Kaurismäki und Egoyan, sind
durch das Xenix in der Schweiz bekannt geworden. Das Off-Kino zeigt
Video-Experimental-Filme, Dokumentarfilme, B-Movies, Filme von und über
Homosexuelle, Trash- und Horrorfilme, Schauspieler- und
Regisseur-Retrospektiven, thematisch orientierte Zyklen und Filme für Kinder.
Die Zukunft, gibt Rosa Maino zu bedenken, wird für das Kino Xenix nicht
einfacher werden. Doch das Kino-Team ist überzeugt, dass das Xenix trotz
anstehenden Veränderungen in der Zürcher Kinolandschaft noch einmal 20 Jahre
existieren wird.
Bettina Spoerri
