ZOOM, Nr. 10, 1998
Zürich gilt zurecht als Kinomekka. Hier sorgen sich cinephile Studiobetreiber und Verleiher - trotz der sich ständig verschärfenden Markanlage - immer noch um anspruchsvolle Programme. Und die Medien bemühen sich redlich, diesen Effort publizistisch zu begleiten. Sie tun es besonders gern, wenn im unabhängigen Xenix Kino gemacht wird: in der Baracke an der Kanzleistrasse 56, im 'Chreis Cheib' (Stadtkreis 4) mit seinem multikulturellen Prolo-, Rotlichtmilieu- und Bohemien-Ambiente. Neben dem Xenix erhebt sich zwar massiv das Bezirksgebäude mit Gericht und Gefängnis, auf dem Kanzleiareal selber jedoch stehen ein Schulhaus und eine Turnhalle. Letztere ist längst eine In-Adresse für Tanzfreaks.
Seit September 1984 hat das Xenix eine feste Heimstatt auf dem Areal. Im schmalen Entree ist Platz für eine Bar, im Innern für einen Saal mit rund 100 Plätzen. Früher wirkte manches improvisiert, und die Sitzgelegenheiten - vor allem ausrangierte Sofas und Fauteuils - verströmten antiquarischen Charme. Heute ist eine komfortable bestuhlung dazugekommen, und die Bild- und Tontechnik lässt kaum Wünsche offen. Seit 1995 finden täglich ab 17 Uhr drei Vorstellungen statt, am Freitag und Samstag auch Nocturnes. Der Donnerstagabend ist für die Frauengruppe Xenia reserviert: Männer haben absolut keinen Zutritt ! Bei schönem Wetter trifft man sich übrigens auf dem Schulhof zum Plausch, und im Sommer findet dort das Freiluftkino regen Zulauf.
Nicht sehen?
Entstanden ist die Xenix-Idee - wie so manche
Kulturinitiative in der Limmatstadt - aus dem aktiven kern der rebellierenden
Zürcher Bewegung von 1980 heraus. Anfangs hiess das Xenix AJZ-Kino und war im
autonomen Jugendzentrum untergebracht. Nach dessen Abbruch zog man 1982 in ein
besetztes Haus am Tessinerplatz und genoss darauf Gastrecht in einem Saal des
rührigen Sexkino-Macher Edi Stöckli. 1984 erfolgte der Umzug aufs Kanzleiareal,
das der Stadt gehört.
Nach dem Auszug aus dem AJZ suchten die Macherinnen und Macher nach einem neuen Namen für ihr Kino.Xenix hiess es fortan, was auf ein Kino namens Xinix in Amsterdam verweist und gleichzeitig tönt wie 'gsee nix'. Nichts sehen ? Das kann logischerweise nur ironisch gemeint sein, denn was im Xenix geboten wird, ist stets phantasievoll, couragiert und originell. Das Xenix ist ein Kino mit herbem Charme und eine Plattform für das unabhängige, radikale, moderne Filmschaffen. Ob in- und ausländischer Avantgardefilm, sorgfältig zusammengestellte Retrospektive, Themenzyklus oder Experimental- Kurz- und Dokumentarschiene: Alles, was der Film an Stilen, Formen und Aussagen bietet, hat Chancen, ins Programm zu rücken. Aber nur dann, wenn es den hohen ethischen und qualitativen Ansprüchen der selbstbewussten Macherinnen genügt.
Auftritt neben der Leinwand
Beeindruckt ist auch der Xenix-Auftritt
neben der Leinwand. Flugblätter, Programmbeilagen, Broschüren usw. sind
informativ und grafisch klug aufgemacht. Die Gestaltungsaufträge dafür werden
vorwiegend an junge Fachleute vergeben, die ihre kreativen Ideen voll einbringen
können. Die Texte jedoch verfassen die Macherinnen selber. Eine Internetadresse
gibt es natürlich auch (vgl. Seite 4)
Vor einiger Zeit hat das Xenix-Team geräumige Büros an der Langstrasse 64 bezogen. Dort arbeitet die momentan ausschliesslich weiblich besetzte Programmgruppe mit Rosa Maino (bisher), Dominique Béot und Esther Quetting (beide neu). Zur Betriebsgruppe zählen zudem die Fachkräfte für den technischen Ablauf, für die Administration und den Barbetrieb, der eine wichtige Einnahmenquelle darstellt. Das übergeordnete Gremium, die Xenix-Gruppe, tritt zusammen, wenn Grundsatzentscheide anstehen, und besteht aus bestandenen Xenix-repräsentantinnen und -Repräsentanten.
Was das Xenix an Besucheranzahl vorzuweisen hat, darf sich stehen lassen. 1996 wurden knapp 30'000 Eintritte verbucht, 1997 waren es fast 33'000. Im Durchscnitt wird jede der jährlich rund 1000 Vorstellungen von 32 Filmsfans besucht; ein Ergebnis, das manchem Landkino gut gefallen würde. Für 40 Franken Jahresbeitrag kann man im Xenix-Filmclub Mitglied werden und bekommt das Billett anstatt für 13 für sehr soziale 8 Franken. das Betriebsbudget beläuft sich übrigens auf 1,2 Millionen Franken pro Jahr, der Zustupf der Stadt Zürich nimmt sich mit 70'000 Franken eher bescheiden aus. Im Vergleich dazu wird das auf filmhistorische Programme spezialisierte Filmpodium der Stadt Zürich (Studio 4) grosszügiger unterstützt. Friktionen zwischen den kulturpolitisch und mentalitätsmässig nicht ganz deckungsgleichen Institutionen lassen sich jedoch nicht ausmachen. Man tauscht im Gegenteil Ideen aus und sucht die ergänzende Zusammenarbeit.
Schwung bewahrt
Die Xenix-Leute sind stolz auf ihre traditionelle
Autonomie, die sie mittlerweile auch auf städtischem Grund und Boden relativ
ungestört ausleben dürfen. Man hat offenbar auch in bürgerlichen Parteikreisen
begriffen, dass in der Zürcher Kulturszene Platz sein muss für ein alternatives
Kino. Wie aber reagiert die übrige Kinobranche auf den innovativen und
ehrgeizigen Aussenseiter ? Sie nimmt ihn ernst, weil das Xenix mit seinem
Anspruch, auch attraktive Studiofilm-Erstaufführungen zu zeigen, zur Konkurrenz
werden kann. Oder zum Geschäftspartner: Seit zwei Jahren gibt es auch die
Xenix-Filmdistribution, die der Xenix-Veteran Cyril Thurston mit Enthusiasmus
betreut.
Etliche der vom Xenix organisierten Filmreihen werden jeweils von anderen Off-Kinos übernommen. Für die gesamte unabhängige Schweizer Kinoszene ist das Xenix im wahrsten Sinn des Wortes zum vorbild geworden. Geboren aus einer Protesthaltung gegen das Etablierte heraus, gehört es zwar nun (fast) auch zum etablierten Kulturgut, hat aber seine Identität und den anarchistischen Schwung bewahrt. Dass die Zürcher Kulturszene frischer geworden ist, hat deshalb mit dem Xenix sehr wohl etwas zu tun: Es ist eben das alternative Kinoherz der Stadt.
Michael Lang
